Auf GenTeam (genteam.at, kostenlos, Registrierung erforderlich) sind bereits seit längerem die Verlustlisten des Ersten Weltkriegs in durchsuchbarer Form veröffentlicht. Sie umfassen Verwundete, Gefallene und Gefangene von Beginn des Krieges im Juli 1914 bis zum Herbst 1918. Eine lückenlose Erfassung war aufgrund fehlender Daten bereits während des Krieges nicht möglich. Durch die Auflösung der Monarchie sind besonders gegen Ende des Krieges die Aufzeichnungen rudimentär.
Mit dem aktuellen Update von GenTeam sind jetzt auch die Einträge der Heldenbücher von Oberösterreich, Vorarlberg, Burgenland und Kärnten in durchsuchbarer Form veröffentlicht. Sie wurden um das Jahr 1934 angelegt (siehe dazu den GIG-Beitrag „Die Heldenbücher des Ersten Weltkriegs“, verfasst am 19. Juni 2026 von Günther Wenth). Die Daten der Heldenbücher sind eine, besonders für Genealogen, hervorragende Ergänzung zu den Verlustlisten. Es sind hier beispielsweise auch erfasst:
an den Kriegsfolgen, Krankheiten und Kriegsstrapazen Verstorbene bis 1934
etwa 250 während des Kärntner Freiheitskampfes 1918/1919 Gefallene
Vermisste
Region des Verlustes, z. B. Italien, Serbien, Russland, Albanien, Türkei, Rumänien, Frankreich
die Gemeinden Südtirols und Opfer aus dem Trentino
(„österreichische“) Soldaten, welche in fremden Armeen gedient haben, z.B. Bayern, Baden-Württemberg
Soldaten anderer Kronländer, z. B. Böhmen, Mähren, Galizien, welche in „österreichischen“ Stammregimentern dienten
Die Einträge sind nicht alphabetisch sortiert. Da sie handschriftlich erstellt wurden, kommen bei Familiennamen Schreibfehler vor. In GenTeam ist das Suchkriterium „Enthält“ von Vorteil.
Wie die Verlustlisten sind auch die Heldenbücher nicht umfassend. Beispielsweise ist ein Pilot, welcher im Kampf an der Front abgeschossen und verstorben ist, im Heldenbuch erfasst. Stürzt das Flugzeug im Hinterland ab und der Pilot verstirbt, wurde dies nicht aufgezeichnet.
Weitere Heldenbücher werden in späteren GenTeam-Updates veröffentlicht. Im Moment wird an den Daten von Niederösterreich gearbeitet.
Die Heldenbücher, auch Totenbücher oder Ehrenbücher, des Ersten Weltkrieges wurden unter Leitung von Oberst d. R. Rudolf Brougier zwischen 1934 bis Anfang 1938 erstellt. In den Totenbüchern sind die Gefallenen während des Krieges, die Vermissten und für tot angenommen, an Kriegsfolgen bis etwa 1934 Verstorbene, k.u.k. Regimentsangehörige aus den Nachfolgestaaten, Kärntner Freiheitskämpfer inklusive Frauen, bei Unfällen Verstorbene und andere verzeichnet.
Entstehungsgeschichte
Für die Aufnahme in ein Heldenbuch wurde aus Rücksicht auf die Nachfolgestaaten der Monarchie das Staatsbürgerschaftsrecht der Republik angewendet. Es wurden jene Personen berücksichtigt, die entweder im damaligen (1934) Österreich inklusive Südtirol heimatberechtigt waren oder in einem Verband dienten, der sich aus der ehemaligen Monarchie ergänzte. Gefallene und Vermisste aus Südtirol und der ehemaligen Untersteiermark wurden ebenso aufgenommen. Ein Ableben im Hinterland wurde bzw. sollte nicht erfasst werden.
In Listenform sind Familienname (mit Adelstitel und akademischem Grad), Vorname, Dienstrang, Truppenkörper, Geburtsjahr, Todestag, Kriegsschauplatz des Todes und gegebenenfalls der Vermerk ‚vermisst‘ niedergeschrieben. Die Einträge sind nicht immer alphabetisch geordnet, teilweise nach Bezirk und innerhalb des Bezirkes nach Ort (Beispiel Burgenland), teilweise nach Ort sortiert. Die Reihenfolge der Spalten in den Heldenbüchern ist abweichend (Burgenland). Die Daten werden in durchsuchbarer Form auf GenTeam[1] teilweise veröffentlicht.
Für jedes Bundesland Österreichs wurde ein Buch erstellt. Aufgrund der hohen Zahl an Gefallenen gibt es für Niederösterreich zwei Bände.
Die „Vereinigung zur Errichtung eines Österreichischen Heldendenkmals in Wien“ (Heldendenkmal am Heldenplatz in Wien) begann im April 1934 mit der Anlage der Bücher. Oberst Rudolf Brougier leitete die Organisation der Schreibarbeiten und die Anfertigung der Bücher. Die Erhebung der Toten erfolgte unter Verwendung eines Formblattes, welches von verschiedenen staatlichen Stellen und Vereinen ausgefüllt wurde. Diese waren die Landesregierungen, Bezirkshauptmannschaften, Landesevidenzreferate, Kameradschaftsverbände, Traditionstruppenkörper usw.
Zusätzlich konnten Angehörige und Kameraden von Gefallenen oder Vermissten Daten an das Denkmalkomitee oder an das Bundesministerium für Landesverteidigung melden.
Ziel war, die Bücher im September 1934 zur Einweihung des Heldendenkmals fertig zu stellen und sie in einem Nebenraum der Krypta aufzubewahren. Zur Ehrung der Toten sollte jeden Tag pro Buch bzw. Bundesland eine neue Seite aufgeschlagen und eine Totenmesse gelesen werden. Mit der Anlage der Bücher wurde im April 1934 begonnen. Im September 1934 waren weder das Heldendenkmal noch die Heldenbücher fertig gestellt, ausgenommen das Buch von Tirol, welches durch die Landesregierung erstellt wurde. Auch im Burgenland wurde die Erstellung des Heldenbuches direkt von der Landesregierung übernommen. Dieses Buch wurde in Druckform erstellt und in einer Kleinserie von zehn Exemplaren aufgelegt.
Die „Vereinigung zur Errichtung eines Österreichischen Heldendenkmals in Wien“ wurde am 31. Dezember 1937 aufgelöst. Das vollendete Denkmal wurde am 1. Jänner 1938 der militärischen Verwaltung übergeben. Das Heldenbuch von Vorarlberg wurde im Februar 1938 in der Krypta hinterlegt. Das Wiener Heldenbuch wurde im Sommer 1938 fertig gestellt.[2]
Die Heldenbücher waren bis 2011 in der Krypta des Heldendenkmals ausgestellt.[3] Die Heldenbücher befinden sich heute (2026) im Österreichischen Staatsarchiv.
Die Daten der Heldenbücher sind weder vollständig noch fehlerfrei. Trotzdem sind sie für Genealogen, neben Verlustlisten, Grundbüchern, etc., eine wichtige Quelle.
Die Entstehung der Heldenbücher wird in diesem Beitrag anhand historischer Zeitungsartikel beschrieben.
1899: Ausmusterung aus der Theresianischen Militärakademie
1. August 1914: Beförderung zum Major im Generalstabskorps
Erster Weltkrieg: Generalstabschef der 10 Infanteriedivision, später eingeteilt beim Kommando des XX. Korps
1. Februar 1916: Oberstleutnant
3. Juli 1916: Flügeladjutant des Erzherzog Karl bzw. später von Kaiser Karl
1. Oktober 1920: Pensionierung
Tod: 13. Dezember 1944 in Wien
Beispielseiten
Abbildung 1: Beispiel einer Seite aus dem Heldenbuch von Oberösterreich[5]
Abbildung 2: Beispiel einer Seite aus dem Heldenbuch des Burgenlandes[6]
Abkürzungen in der Spalte „Kriegs-Gebiet“
Die für das Kriegsgebiet verwendeten Abkürzungen sind nicht einheitlich, manchmal mit oder ohne Punkt, manchmal ist das Land bzw. die Front ausgeschrieben, manchmal gibt es Ortsbezeichnungen (z.B. Adria).
Die Schrift ist eine kalligrafische Handschrift, geschrieben von unterschiedlichen Personen. Die Buchstaben I, J und T sind kaum unterscheidbar; V und O sind kaum unterscheidbar; A und O sind manchmal kaum unterscheidbar; W ist manchmal schlecht lesbar.
Beispiele:
Abbildung 3: Ausschnitt „Barth Alois: Jung.Sch.; J für Italien; Bernecker Karl: Jnf. für Infanterist; JR. 14 für Infanterieregiement 14“[7]
Abbildung 4: Ausschnitte „Jamerwein“[8] und „Patraow“[9]
Am Ende jeder Gemeinde ist handschriftlich mit Bleistift die Anzahl der Personen vermerkt. Die Daten sind meist alphabetisch gereiht. Bei der Reihung von Gemeinden gibt es wenige Ausnahmen. Bei den Familiennamen kommt es innerhalb einer Gemeinde fast immer zu Unregelmäßigkeiten. Da Personen auch nachträglich gemeldet wurden, ist am Ende jeder Gemeinde ein Leerraum, in den die Nachträge eingetragen wurden. Es gibt Schreibfehler bei Namen, selten sind diese mit Bleistift korrigiert.
Abbildung 5: Beispiel für Hinzufügung, Wimsbach[10]
Zeitungsberichte
26. April 1934: Wehrmann in Eisen
24. Juni 1934: Errichtung eines österreichischen Heldendenkmals in Wien
15. Juli 1934: Benagelung des Wehrmanns in Eisen
26. Juli 1935: Das Heldenbuch für Kärnten
15. Dezember 1935: Die Heldenbücher in der Krypta.
29. Februar 1936: Gedenkblätter für 150.000 tote Helden
3. März 1936: Die Heldenbücher im Heldendenkmal
12. November 1936: Österreichs Heldenbücher
31. Dezember 1937: Vom Österreichischen Heldendenkmal
4. März 1938: Das Heldenbuch von Vorarlberg
„Wehrmann in Eisen.“
Neues Wiener Journal, 26. April 1934
Abbildung 6: Zeitungsbericht „Wehrmann in Eisen.“[11]
„Im ersten Kriegsjahr schuf der bekannte Bildhauer Professor Josef Müllner den „Wehrmann in Eisen“. Er wurde am 16. März 1915 unter großem Gepränge am Schwarzenbergplatz aufgestellt. Ungefähr 500.000 Nägel wurden eingeschlagen, wobei man für jeden eingeschlagenen Nagel eine Krone einzahlte. Das Erträgnis kam den Witwen- und Waisenfonds zugute. Dem Beispiel Wiens folgten viele Städte Österreichs und der verbündeten Staaten. Nun soll der „Wehrmann in Eisen“ in Wien wieder erstehen. Aus dem Erträgnis der Benagelung wird ein Heldenbuch angelegt, das die Namen der gefallenen Österreicher enthalten wird. Dieses Buch wird einen Ehrenplatz in der Krypta des Heldendenkmals erhalten.
Um Raum für die neue Benagelung zu schaffen, hat Professor Müllner einen Sockel für den „Wehrmann“ gebaut. Die feierliche Wiederaufstellung findet am 13. Mai im Beisein des Bundespräsidenten, der Mitglieder der Regierung und des Bürgermeisters von Wien statt. Bürgermeister Schmitz hat in liebenswürdigster Weise die Wiederaufstellung des „Wehrmanns in Eisen“ ermöglicht. Er versprach auch, die seinerzeitige Zusage des Bürgermeisters Weiskirchner, dem „Wehrmann in Eisen“ einen würdigen Aufstellungsplatz im Rathaus zu geben, zu verwirklichen.“
Errichtung eines österreichischen Heldendenkmals in Wien
Neue Eisenstädter Zeitung, 24. Juni 1934
Abbildung 7: Zeitungsbericht „Errichtung eines österreichischen Heldendenkmals in Wien“[12]
„Das Amt der Landesregierung hat über Vorschlag der „Vereinigung zur Errichtung eines österreichischen Heldendenkmals in Wien“, VI., Stiftskaserne, Mariahilferstraße 22, zum Leiter und Referenten der neuzuerrichtenden Sektion Burgenland den Obstlt. A. D., wirkl. Amtsrat Heinrich Czerwinka bestimmt. Die Kanzlei dieser Sektion befindet Sich beim Amte der Landesregierung, Abt. I/1 (Landes-Evidenzreferat), im Landhause in Eisenstadt.
Alle Eingaben und Zuschriften, die sich aus dem Verkehre mit der Vereinigung zur Errichtung eines österreichischen Heldendenkmals in Wien ergeben, sind von nun an ausschließlich an diese beim Amte der Landesregierung in Eisenstadt errichtete Sektion einzusenden.
Die noch ausständigen Verzeichnisse für das anzulegende Heldenbuch müssen, soweit diese bisher nicht nach Wien vorgelegt wurden, bis längstens 15. Juli 1934 der Sektion Burgenland vorgelegt werden. Einsendungen nach diesem Termine können aus technischen Gründen nicht mehr dem Zwecke, d. i. der Eintragung in das Heldenbuch, zugeführt werden, eine Maßnahme, die von den Angehörigen der Kriegsopfer, mit Rücksicht auf den Ewigkeitswert des aufzulegenden Heldenbuches sehr schwer empfunden werden wird.
Der Betrag von 1 S pro Kopf, bezw. Ein Pauschbetrag für Vereinigungen, Vereine u. dgl. Ist ebenfalls, soweit bisher keine Einzahlung nach Wien erfolgte, bis zum 15. Juli 1934 auf das Postsparkassenkonto Nr. D 21.734, Landes-Hypothekenanstalt für das Burgenland, Filiale Eisenstadt, einzuzahlen. Erlagscheine gehen allen Gemeinden in den nächsten Tagen zu, auf der Rückseite des Erlagscheines ist der Vermerk „Heldendenkmal“ unbedingt anzuführen, um Fehlbuchungen zu vermeiden.“
Benagelung des Wehrmannes in Eisen.
Neues Wiener Tagblatt, 15. Juli 1934
Abbildung 8: Zeitungsbericht „Benagelung des Wehrmannes in Eisen“[13]
„Die Vereinigung zur Errichtung des Österreichischen Heldendenkmales teilt mit, daß der Wehrmann in Eisen zur weiteren Benagelung durch die Bevölkerung voraussichtlich bis 11. September d. J. auf dem Schwarzenbergplatz stehen bleibt, um dann entsprechend den Weisungen des Bürgermeisters von Wien placiert zu werden. Jedes Mitglied der Vaterländischen Front hat bei Vorweisung der Mitgliedskarte das Recht, einen eisernen Nagel kostenlos in das Postament des Wehrmannes einzuschlagen. Besteht die Absicht, einen Nagel dem Gedenken eines vor dem Feinde gefallenen österreichischen Soldaten zu widmen und dessen Namen im Heldenbuch zu verewigen, so beträgt die Gebühr für einen eisernen Nagel einen Schilling, für einen vergoldeten Nagel zehn Schilling. Die Einzelbenagelung kann jederzeit vorgenommen werden. Korporative Benagelungen von seiten der Bezirksgruppen der Vaterländischen Front, der Wehrverbände und sonstiger Korporationen und Vereine sind einige Tage vorher im Sekretariat des Österreichischen Heldendenkmales, 7. Mariahilferstraße 22, Stiftskaserne, Telephon B 38240, anzumelden. Das Erträgnis der Benagelung wird zur Errichtung des Österreichischen Heldendenkmales und zur Anlegung des Österreichischen Heldenbuches verwendet.“
Das Heldenbuch für Kärnten
Klagenfurter Zeitung, 26. Juli 1935
Abbildung 9: Zeitungsbericht „Das Heldenbuch für Kärnten“[14]
„Der Landes-Pressereferent teil mit: Das Heldenbuch, das die Opfer verzeichnen soll, welche Kärnten im Weltkriege und in den Abwehrkämpfen an Menschen gebracht hat, geht seiner Vollendung entgegen. Sollten hiezu noch besondere Wünsche im Publikum vorhanden sein, so mögen sie ehestens dem Landesevidenzreferat der Landeshauptmannschaft Kärnten in Klagenfurt bekanntgegeben werden. Das Heldenbuch wird, wenn es im Druck erscheint, zu sehr annehmbaren Preisen erhältlich sein.“
Die Heldenbücher in der Krypta
Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe), 15. Dezember 1935
Abbildung 10: Zeitungsbericht „Die Heldenbücher in der Krypta“[15]
„In der Krypta des Heldendenkmales liegen die Heldenbücher auf, welche, nach Bundesländern und Gemeinden geordnet, die Namen und persönlichen Daten von allen Österreichern enthalten, die während des Weltkrieges ihr Leben für das Vaterland geopfert haben. Die Anlage der Heldenbücher wurde im April 1934 begonnen; bis Heute ist es gelungen, ungefähr 150.000 Namen zu erfassen. Diese Arbeit gestaltete sich um so schwieriger, als bisher nur das Land Tirol die Namen seiner Helden gesammelt hat, während in den andern Bundesländern und in Wien die Erhebungen vom Denkmalkomitee erst begonnen werden mußten.
Dank der Unterstützung durch die Landeshauptmannschaften konnten die Angaben für die Heldenbücher von Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark zum Großteil von den Heimatsgemeinden beschafft werden; auch einzelne Kameradschaftsverbände haben die Arbeit gefördert. Gegenwärtig sind die Schreibarbeiten für die Bücher dieser drei Länder im Gange, sie Dürften bis Mitte 1936 abgeschlossen sein. Für Kärnten und Salzburg haben die Landesevidenzreferate das Material gesammelt und geordnet, so daß diese Heldenbücher abgeschlossen sind. Das Kärntner Buch mir rund 13.000 Namen beweist, daß dieses Land im Weltkrieg verhältnismäßig die größten Blutopfer gebracht hat. Besondere Schwierigkeiten waren bei der Anlage des Heldenbuches von Wien zu überwinden, da amtliche Quellen hier nicht zur Verfügung standen und die freiwilligen Anmeldungen von seiten der Angehörigen von Gefallenen trotz der Aktion „Wehrmann in Eisen“ und der Aufforderung, die Anmeldungen bei den Polizeikommissariaten und den Bezirksbehörden der Stadt vorzunehmen, sehr spärlich einliefen. Die Traditionstruppenkörper der Wiener Regimenter haben sich daher zum großen Teil in den Dienst der Heldenehrung gestellt, so daß heute die Wiener Helden der Infanterieregimenter Nr. 4 und 84, des Feldjägerbataillons Nr. 21, Der Schützenregimenter Nr. 1 und Nr. 24, des Wiener Landsturms und der Wiener Artillerieformationen bereits in das Heldenbuch eingetragen werden konnten. Überdies enthält das Wiener Heldenbuch ein alphabetisches Verzeichnis jener gefallenen Wiener, die bei andern Truppenkörpern gedient haben und während des Weltkrieges für ihre Heimat gestorben sind. Trotz aller Mühe sind bisher nur etwa 15.000 Namen im Wiener Heldenbuch verzeichnet, so daß die weitere Mitarbeit der Bevölkerung und der Traditionsverbände dringend erwünscht ist, um möglichst viele Namen der Nachwelt zu erhalten. Die Heldenbücher des Burgenlandes und von Vorarlberg fehlen noch.
In jedem Band der bereits aufliegenden Heldenbücher wird täglich eine Seite umgeschlagen und für die dort verzeichneten Helden die heilige Messe in der Krypta aufgeopfert; auf diese Weise wird die dankbare Verbundenheit der Lebenden mit den Toten wohl auf das sinnvollste zum Ausdruck gebracht. Auszüge aus dem Heldenbuch für Angehörige oder für Gemeinden sind beim Denkmalaufseher gegen geringes Entgelt zu bestellen; die Kosten für die Anlage der Heldenbücher übersteigen bereits 12.500 S; sie sollten durch freiwillige Beiträge und Spenden gedeckt werden.“
Gedenkblätter für 150.000 tote Helden
Salzburger Chronik für Stadt und Land, 29. Februar 1936
Abbildung 11: Zeitungsbericht „Gedenkblätter für 150.000 tote Helden“[16]
„In einem Nebenraum der Krypta des Wiener Heldendenkmals gelangten dieser Tage in Großen Stilvollen Schränken die fertiggestellten österreichischen „Heldenbücher“ zur Aufbewahrung, in denen nach Ländern und Gemeinden geordnet, die Namen aller während des Weltkrieges gefallenen und gestorbenen Soldaten der k. u. k. Armee eingetragen sind. Es ist wahrlich keine leichte Arbeit gewesen, diese Heldenbücher anzulegen und bei der mangelhaften beziehungsweise zum größten Teil in Verlust geratenen Evidenzführung die Namen von mehr als 150.000 im Weltkrieg gefallenen österreichischen Kriegern wieder zu verzeichnen. Aber trotz aller Schwierigkeiten ist die im April 1934 begonnene Arbeit rüstig fortgeführt und fast vollendet.
Die Anlage der Heldenbücher gestaltete sich um so schwieriger, als ursprünglich nur das Land Tirol die Namen seiner Helden gesammelt hatte, während in den anderen Bundesländern und in der Bundeshauptstadt selbst die Erhebungen erst begonnen werden mußten. Dank der Unterstützung durch die Landeshauptmannschaften konnten die Angaben für die Heldenbücher von Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark zum Großteil von den Heimatgemeinden beschafft werden, wobei sich auch einzelne Kameradschaftsverbände um diese mühsame Arbeit große Verdienste erwarben. Für Kärnten und Salzburg waren es wieder die Landes-Evidenzreferate, die das Material zusammentrugen und in unverdrossenem Arbeitseifer ihre Heldenbücher zusammenstellten.
Besondere Schwierigkeiten waren aber bei der Anlage des Wiener Heldenbuches zu verzeichnen, da hier keinerlei amtliche Quellen zur Verfügung standen und die freiwilligen Anmeldungen seitens der Angehörigen von Gefallenen trotz wiederholter amtlicher Aufforderung sehr spärlich einliefen. Darum haben die Traditionstruppenkörper der Wiener Regimenter sich in den Dienst dieser bleibenden Heldenehrung gestellt. Bisher konnten die toten Helden der Infanterieregimenter 4, 84, des Feldjägerbatillons 21, der Schützenregimenter 1, 24, des Wiener Landsturms und der Wiener Artillerieformationen in das Wiener Heldenbuch eingetragen werden. Im Wiener Heldenbuch wurden auch jene gefallenen Wiener eingetragen, die bei anderen Truppenkörpern gedient haben und während des Weltkrieges für ihre Heimat gestorben sind. So sind bereits 15.000 Namen von Wiener Weltkriegsopfern in den Heldenbüchern verzeichnet und es wird gelingen, die Namen sämtlicher Wiener Kriegsopfer in dieser pietätvollen Art der Nachwelt zu erhalten.
In den bereits abgeschlossenen Heldenbüchern sind rund neunzig Prozent der österreichischen Weltkriegsoper verzeichnet, es fehlen nunmehr nur noch die Bundesländer Vorarlberg und Burgenland, die aber auch bald vermerkt werden sollen. Es sind hiefür einige Kalligraphen am Werk, die die Namen jedes einzelnen Weltkriegsopfers samt den Personaldaten verzeichnen.“
Die Heldenbücher im Heldendenkmal
Neues Wiener Tagblatt, 3. März 1936
Abbildung 12: Zeitungsbericht „Die Heldenbücher im Heldendenkmal“[17]
„Im Seitenraum der Krypta des Heldendenkmals wurden in letzter Zeit neue Schaukästen für die dort aufbewahrten Heldenbücher aufgestellt; damit ist dieser Raum jener Bestimmung zugeführt worden, die bereits bei der Errichtung des Denkmals vorgesehen war: Die Namen der toten Helden des Weltkrieges zu verewigen. Die Vitrinen, aus dunkel gebeiztem Eichen holz hergestellt, erfüllen mit monumentaler Wirkung den Raum; ihrer Anordnung liegt die Kreuzform zugrunde; als Sinnbild des Heldentums krönt ein frischer Lorbeerkranz die Abteile, in welchen die Heldenbücher ruhen.
Bisher konnten mit Hilfe der Landes- und Bezirkshauptmannschaften, der Gemeinden, dann von Kameradschaftsverbänden und Traditionstruppenkörpern, die Heldenbücher von Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg und Tirol angelegt werden; jene von Kärnten, Salzburg und Tirol sin so weit abgeschlossen, daß wesentliche Ergänzungen nicht mehr erfolgen werden. Die zwei Heldenbücher von Niederösterreich stehen jetzt in Arbeit, ihnen werden jene von Oberösterreich und Steiermark folgen, für die bereits umfangreiche Vervollständigungen vorliegen. Das Heldenbuch von Wien erscheint wohl in dem Sinne abgeschlossen, daß die Toten der Wiener Hausregimenter, mit Ausnahme des Dragonerregiments Nr. 3, truppenkörperweise verzeichnet sind. Dagegen fehlen noch tausende Namen von solchen Wienern, die bei andern Regimentern gedient haben, darunter viele Reserveoffiziere. Diese Namen können nur durch Anmeldung seitens der Angehörigen erfaßt werden, und an alle Verwandten, Freunde und Kameraden der toten Helden ergeht neuerdings das dringende Ersuchen, diese Anmeldung entweder beim Heldendenkmal selbst oder bei einem Polizeikommissariat vorzunehmen. Das Heldenbuch für das Burgenland wird von der Landeshauptmannschaft in Eisenstadt selbst bearbeitet und dürfte in den nächsten Monaten aufgelegt werden; für Vorarlberg liegt noch kein Material vor.“
„Österreichs Heldenbücher. Die Arbeiten an Österreichs Heldenbüchern, die die Namen der Gefallenen auf dem Staatsgebiet des neuen Österreich länderweise verzeichnen, sind für Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Salzburg, Tirol und Kärnten abgeschlossen. Es sind dabei von ungefähr 200.000 Mann, die auf dem heutigen Staatsgebiet im Krieg gefallen sind, schon rund 165.000 verzeichnet. Schwierigkeiten mach noch das Wiener Heldenbuch bezüglich jener Wiener, die nicht in den Hausregimentern dienten. In Burgenland und Vorarlberg werden die Heldenbücher von den Landesregierungen angelegt.“
Vom Österreichischen Heldendenkmal
Danzers Armee Zeitung, 1937
Abbildung 14: Zeitungsbericht Vom Österreichischen Heldendenkmal“[19]
„Das Österreichische Heldendenkmal in Wien wird mit 1. Jänner 1938 vom Bundesministerium für Landesverteidigung in militärische Verwaltung übernommen; die Regelung der beim Heldendenkmal abzuhaltenden Feiern obliegt in Hinkunft dem Platzkommando Wien, 1. Bez., Universitätsstraße 7, bei dem diese Veranstaltungen anzumelden sind. Die Abschlußarbeiten an den Heldenbüchern werden noch von der Vereinigung durchgeführt, weiterhin wird das Heeresministerium die Ergänzung dieser den Toten des Weltkrieges geweihten Bücher besorgen.
Am 20. Dezember 1937 fand die letzte Vollversammlung der „Vereinigung zur Errichtung eines Österreichischen Heldendenkmals in Wien“ statt. Die reinen Kosten für den Bau und die künstlerische Ausschmückung betragen 607.000 S, an Nebenauslagen für Kanzlei, Post, Telefonat und Regien sind in fast fünf Jahren 99.000 S aufgelaufen; für die Anlage der Heldenbücher wurden bisher 11.000 S netto aufgewendet (die Landeshauptmannschaft Burgenland hat ihr Heldenbuch dem Denkmal gespendet). Endlich haben die ursprünglich nicht vorgesehenen Kosten für die Führung des Denkmals seit September 1924, also die Ausgaben für den Aufseher, für den Betrieb und die Erhaltung, bis jetzt 11.000 S ausgemacht. Alle diese Auslagen von zusammen 728.000 S sind zur Gänze bezahlt, so daß die Vereinigung auch finanziell ihre Aufgabe erledigt hat.
Noch in Ausführung begriffen ist die Ausschmückung der Steinwände an den beiden Ehrentreppen durch acht Kriegerköpfe, von denen vier – deutsche Soldatenköpfe – bereits angebracht sind, während vier Köpfe, die von den Nationen der alten Monarchie einen Nord- und einen Südslawen, einen Magyaren und einen Italiener darstellen, derzeit noch bearbeitet werden. Die Kosten dieser acht Köpfe werden aus den Mitteln der Kunstförderung seitens des Bundesministeriums für Unterreicht und der Gemeinde Wien bestritten.
Die Errichtung des Heldendenkmals hat einigen österreichischen Künstlern und einer Reihe von Berufen in schwerer Zeit Arbeit und Verdienst geschaffen und so neben ethischen Werten auch wirtschaftliche Vorteile gefördert.
Die Anlage der Heldenbücher für Wien und die Bundesländer ist nach vier Jahren schwieriger Arbeit dank der Unterstützung durch Behörden (besonders die Landesevidenzreferate von Kärnten und Salzburg seien angeführt) und durch Traditions- wie Kameradschaftsverbände so weit gediehen, daß von den auf 180.000 Kriegstote geschätzten Verlusten des heutigen Österreich etwa 160.000 Namen – meist mit persönlichen Angaben – verzeichnet werden konnten. Das Heldenbuch von Wien wird derzeit reingeschrieben, für das Vorarlberger Heldenbuch wurden die Unterlagen seitens der Landeshauptmannschaft endlich in Aussicht gestellt, das burgenländische Heldenbuch wurde als Spende des Landes vor einigen Tagen in der Krypta hinterlegt. Bis Frühjahr 1938 dürften alle Heldenbücher in der Krypta aufliegen: ihre weitere Ergänzung wird wohl nur mehr durch Anmeldungen seitens der Angehörigen oder Kameraden von Gefallenen möglich sein und wird dann durch das Heeresmuseum veranlasst werden.
Mit Stimmeneinheit wurde die Übergabe des Heldendenkmals an das Bundesministerium für Landesverteidigung und die Auflösung der Vereinigung mir 1. Jänner 19138 beschlossen.“
Das Heldenbuch von Vorarlberg
Österreichische Wehrzeitung, 4. März 1938
Abbildung 15: Zeitungsbericht „Das Heldenbuch von Vorarlberg“[20]
„wurde dieser Tage in der Krypta des Österreichischen Heldendenkmals hinterlegt; damit sind nun die Heldenbücher aller Bundesländer in den Schaukästen vorhanden.
Das Vorarlberger Buch umfasst rund 5000 Namen samt Personaldaten von Kriegstoten aus den 98 Ortsgemeinden dieses Landes. Somit beträgt der Totenverlust von Vorarlberg – unter Berücksichtigung seiner Einwohnerzahl von damals 145.000 – etwa 34 Tote von je 1000 der Heimatsbevölkerung, und wird in Österreich nur von den Verlusten des Landes Kärnten übertroffen. Der Durchschnitt für die gesamte Monarchie beträgt 23,9 Tote von 1000 der Bevölkerung.
Die Vorarlberger haben der Hauptsache nach bei den Tiroler Kaiserjägern, den Kaiserschützen, dann bei den Tiroler Landsturm-Infanterieregimentern Nr. 1 und 2, und bei einzelnen Landsturmbataillonen gedient. Mehr als die Hälfte aller Toten entfällt auf das erste Kriegsjahr vom August 1914 bis zum Sommer 1915, da die Tiroler Truppenkörper auf den italienischen Kriegsschauplatz verlegt wurden, wo sie noch dreieinhalb Jahre lang bei allen entscheidenden Kämpfen voll eingesetzt waren. Ein vollgültiger Beweis, wie schwer gerade so hervorragend tapfere Truppen durch den Mangel an Kriegserfahrung betroffen werden!
Das Heldenbuch beruht zum Teil auf direkten Anmeldungen von Angehörigen, Kameraden und Gemeinden bei der Denkmalvereinigung, der Hauptsache nach auf den mit vorbildlicher Genauigkeit durchgeführten Erhebungen im Auftrage der Landeshauptmannschaft, die erst im Dezember 1937 abgeschlossen waren. Diese Nachforschungen lassen auch erkennen, wie viele brave Kaiserjäger, Kaiserschützen und Landstürmer aus Vorarlberg in den russischen Kriegsgefangenenlagern an Flecktyphus und anderen Infektionskrankheiten zugrunde gegangen sind.
Das Wiener Heldenbuch wird bis zum Sommer 1838 gleichfalls fertiggestellt und damit die ganze vierjährige Arbeit im Dienste pietätvollen Gedenkens beendet sein.“
Der älteste bekannte Vorfahre dieser Familie ist Christian Jenni. Er lebte gegen Ende des 16. Jh. und zu Beginn des 17. Jh. im Großen Walsertal. Aus dem Seelenzettel seines Urenkels Amann Franz Xaver Jenni geht hervor:
Seelenzettel des Amanns Franz Xaver Jenni (KAE) Foto: privat
Christian Jenny und Anna Weltinin Seind sein andere Uhr Ehnÿ und Ahna gewesen von dem Vatter hero, Mathias, Agatha, Angnesa, Margretha, Maria dero Kinder[1]
Dieser Seelenzettel wurde anlässlich einer Jahrtagstiftung zum Ableben von Franz X. Jenni für ihn und seine Vorfahren verfasst. Da sowohl die Matriken in Thüringen als auch jene in Sonntag zu Beginn des 17. Jahrhunderts nur lückenhaft überliefert sind, lassen sich nicht alle genannten Kinder in den entsprechenden Quellen finden. Die Taufe der Tochter Agatha ist jedoch am 29. Dezember 1607 im ältesten Taufbuch der Pfarrei Sonntag verzeichnet.[2]
In demselben Taufbuch finden sich später mehrfach Einträge zu den Eltern Christa [Christian] Jenni und Trina [Katharina] Kauffmännin. Ob es sich bei Katharina Kaufmann um die zweite Ehefrau dieses Christian Jenni handelt oder ob mehrere gleichnamige Personen zur selben Zeit lebten, lässt sich nicht eindeutig klären.
Im Urbar der Probstei St. Gerold aus dem Jahr 1608 befindet sich folgender Eintrag:
Christen Jenni, Lorentz Bickhel Ammans Sohn, Jakob Wal: thert, Christen Engstler, alle zu Valendtschinen, und Clauß Bickhell uff Ruggal wonhafft zinsend jerlichen – 8 werdt Keß und 2 … gelt an ein Jarzyt ab dryen hüseren güeteren, auch Gadenstaden, bÿ, und an einanderen In Valendtschinen gelegen, stost gar abwerth an die Lutz, ußwerth an das Eschtobell, Innwerth an Walckhen bach, Uffwerth an Eschehoff, so Andreas Bickh el Inhat.[3]
Sollte diese Nennung mit dem vorgenannten Christian Jenni ident sein, so könnte man davon ausgehen, dass er Besitzungen auf der Flur Hinteregg hatte. Ob dies auch der Wohnort der Familie war, ist aufgrund mangelnden Informationsgehalts der Quellen nicht ermittelbar.
Im Urbarium von 1620 befinden sich wiederum dieselbe Eintragung.[4]
Sebastian „Baschi“ Jenni
Das genaue Geburtsdatum von Sebastian Jenni, Sohn von Christian und Anna Welte, ist nicht überliefert; der Zeitraum lässt sich jedoch auf das frühe 17. Jahrhundert eingrenzen.
Am 26. Jänner 1648 heiratet er in St. Gerold die ledige Gertrud Müllerin. Beide Eheleute werden darin als aus St. Gerold stammend bezeichnet.[5]
Die Herkunftsbezeichnung „St. Gerold“ bezieht sich nicht auf die heutige politische Gemeinde, die erst im frühen 19. Jahrhundert entstand, sondern auf die reichsfreie Herrschaft St. Gerold, zu der unter anderem die vier Wohnberge Gaßnerberg, Plankenberg, Blons und Valentschina gehörten.
Aufgrund von Matrikeneinträgen und herrschaftlichen Urkunden lassen ihnen zumindest folgende Kinder zuordnen:
Anna gest. 1696 in Blons, verheiratet mit Andreas Bickel
Franz get. 1660 in Sonntag, gest. 1713 in Blons, unverheiratet
Gerold get. 1664 in Raggal, gest. 1721 in Blons, verheiratet mit Afra Bickel
Aus dem Seelenzettel von Sebastians Urenkel Amann Franz Xaver Jenni geht hervor, dass außerdem die Kinder Christian, Joseph, Thomas und Maria existiert haben müssen:
Sebastian Jenny und Gertruta Müllerin Seind sein Uhr Ehnÿ und Ahna gewesen von dem Vatter hero, Christian, Joseph, Thomas, Franz, Maria, Anna dero Kinder [6]
Da im fraglichen Zeitraum weder lückenlose kirchliche Personenstandsquellen noch entsprechende herrschaftliche Archivalien vorliegen, lässt sich dies jedoch nicht zweifelsfrei belegen.
Das Sterbedatum von Sebastian Jenni und seiner Ehefrau ist unbekannt; anhand der vorhandenen Urbarien lässt sich sein Ableben jedoch auf den Zeitraum 1660–1678 eingrenzen.
Zuordnung des Heimathofs
Es ist anzunehmen, dass Sebastian Jenni mit seiner Familie in Valentschina lebte. Im Urbarium von 1660 zinst ein Baschi [Sebastian] Jenni zusammen mit den Gebrüdern Thomas und Jakob Walthart sowie Maria Müller ab ihrem eignen Hauß, Hofstadt und guet auf der Egg gelegen.[7] Der Vorarlberger Flurnamenforscher Werner Vogt (1931–2020) verortet diese Hof- bzw. Flurbezeichnung nordöstlich der Mühle in Valentschina.
Einige Seiten später findet sich eine weitere Eintragung, in der Sebastian Jenni jährlich ab 3 Khueheulandt Gafer genandt sambt Hauß, und Stallung bey einanderen 5 Gulden zinst.[8] Vogt bezeichnet diese Flur als Gafort und lokalisiert sie unweit bzw. westlich der Sückenhöfe.
Im Urbarium von 1678 wird nun nicht mehr Sebastian Jenni als Zinsender angeführt; stattdessen erscheinen seine Erben.[9] Ein Sprung ins Urbarium von 1735 zeigt einen Eintrag für Sebastian Jennis Enkel Josef. Auch er zinst jährlich 5 Gulden ab dem gueth ober Gafurt genant. Die Anstöße lauten: stost auf= an Gafiel, Inn an den Leyrenhoff, ab= an Meinradt Fetzel außwerts an das Tobel.[10]
Die Bezeichnung des Guts als „ober Gafurt“impliziert, dass es auch ein „unter Gafurt“ gegeben haben muss. Analog werden heute die beiden Sückenhöfe als oberer Sückenhof und als unterer Sückenhof bezeichnet. Daraus folgt, dass Meinrad Fetzels Hof (Anstoß abwärts bzw. südlich) dem „unteren Gafurt“ entsprechen könnte.
der obere Sückenhof (Blons Nr. 65) im Jahr 1987 CC BY 4.0, Foto: Sammlung Air Color, Vorarlberger Landesbibliothek
Aufgrund der fehlenden Erwähnung sowie der Grenzbeschreibung aus dem Jahr 1735 lässt sich vermuten, dass die Flur Gafurt (Gafer) eine ältere oder alternative Bezeichnung für die Flur Sücka (Sücken) war. Folglich könnte also das obere Gafurt dem oberen Sückenhof und Meinrad Fetzels Gut dem unteren Sückenhof entsprechen.
In einer Schuld- und Pfandurkunde aus dem Jahr 1791, die im Zuge der Hypothekenerneuerung 1888 abgeschrieben und verfacht wurde, nahm Nicolaus Jenny in Valentschina ein Darlehen bei der löbl. Pfarrkirche zu Blons auf. Als Unterpfand diente sein Hof in Valentschina, der als „SückhenHof“ bezeichnet wird. Die Grenzbeschreibung lautet: stost aufwert an des Richter Christian Zerluten gafiellen guet, Inwerth an Meinradt Nigschen guet Lihren genant, abwert an Meinradt Fetzels Sel. Witibs Guet Untersückhen Hof genant, außwerth an Christian Khüngen Guet gatsche genant.[11]
Damit wird bestätigt, dass Meinrad Fetzels Hof der untere Sückenhof war und dass die Bezeichnung ober Gafurt mit dem oberen Sückenhof ident ist.
Dies steht auch nicht in Widerspruch zu den Forschungen von Simone Maria Berchtold zu den Flurnamen im Großen Walsertal. Laut ihren Ergebnissen wird der Sückenhof erstmals auf der Karte zum Urbarium von 1666 erwähnt.[12] Interessanterweise findet er im Urbar selbst jedoch keine Verwendung. Die Darstellung auf der Karte deutet auch auf einen damals noch ungeteilten Hof hin.
Daraus lässt sich schließen, dass Sebastian Jenni bereits 1660 für diesen Hof zinste und sehr wahrscheinlich dort lebte.
Am 12. Dezember 1695 kam es zu einer Erbteilung zwischen Sebastian Jennis Söhnen Franz und Gerold. Bestandteil der Verhandlung war unter anderem 3 khuo hewölandt guoth in Vallentschina 4/5tel Behausung und Speicher aigner bestallung auch Waldung. Dorab get Jährlich Zinß einer löbl. Probsteÿ St. Geroldt 5 Gulden. Es ist naheliegend, dass es sich hierbei um das im Urbarium erwähnte Gafar handelt. Weiters wird noch von einer Wiese mit Bestallung gesprochen.[13]
Beide Brüder übernahmen die Erbmasse zu halben Teilen in ihr Eigentum. Die anderen Kinder, die teilweise nur durch den Seelenzettel des Franz Xaver Jenni bekannt sind, werden in dieser Erbteilung nicht erwähnt.
Gerold Jenni (1664–1721)
Gerold Jenni wurde am 23. August 1664 in Raggal als Sohn des Sebastian und der Gertrud geb. Müller getauft. Seine Taufpaten waren Hanß Müller und Agneß Biechli [Bickel].[14] Am 31. Jänner 1694 heiratete er in der Blonser Pfarrkirche Afra Bickel.[15] Sie wurde am 18. Februar 1672 in Raggal als Tochter des Andreas Bickel und der Margaretha Zerlauth getauft.[16]
Sie hatten vier gemeinsame Kinder:
Josef (1695–1762), zweimal verheiratet
Eva Maria (1697–1698)
Sebastian (1700–?)
Anna (1702–1703)
Während beide Töchter bereits kurz nach der Geburt verstarben, ist der Verbleib des jüngsten Sohnes unklar. Jedenfalls schien er nicht im Großen Walsertal geblieben zu sein.
Es ist anzunehmen, dass Gerold Jenni mit seiner Familie ebenfalls auf dem Sückenhof in Valentschina wohnte. Von seinem verstorbenen Bruder Franz Jenni übernahm er 1713 ein Drittel Anteil am unteren Sückenhof und musste im Gegenzug die drei Kinder seiner bereits verstorbenen Schwester Anna Jenni auszahlen.[17]
Gerolds Frau Afra Bickel verstarb am 21. April 1703 in Blons.[18] Er selbst starb am 16. März 1721 ebenfalls in Blons. Gerold Jenni wurde vor seinem Tod mit allen notwendigen Sakramenten versehen. Der Matrikenschreiber merkte zudem an, dass es sich bei ihm um einen angesehenen beziehungsweise ehrbaren Mann handelte.[19]
Diese Anmerkung ist besonders interessant, da eine solche Formulierung im betreffenden Zeitraum einerseits äußerst selten im Buch zu finden ist, andererseits deutet sie darauf hin, dass die Familie beim Klerus, der zugleich auch Grundherr war, ein entsprechendes Ansehen genoss.
Sowohl im vorliegenden Erbteilungsbuch als auch in einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 1720 wird Gerold Jenni als „des Gerichts“ bezeichnet, was auf eine Richterfunktion hindeutet. Die Bezeichnung Richter darf hier keineswegs mit dem heute geläufigen Berufsbild in Verbindung gebracht werden, vielmehr handelte es sich hier um eine Art Schöffe oder Geschworener, die dem Amann beratend zur Seite standen.[20] Das bereits erwähnte Gerichtsurteil berichtet über Streitigkeiten zwischen den Bewohnern von Unter- und Obervalentschina bezüglich der Nutzung von Gemeindewäldern. Gerold Jenni nahm dabei an einem Lokalaugenschein teil.[21]
Josef Jenni (1695–1762)
Über Josef Jenni lassen sich bereits mehr Informationen finden als über seinen Vater Gerold. Er wurde am 3. März 1695 in Blons sub conditione getauft.[22] Eine solche Wiedertaufe war unter anderem notwendig, wenn Unsicherheiten über die Gültigkeit der Taufformel bestanden, etwa bei einer Nottaufe. Weshalb eine Nottaufe bei Josef erforderlich war, lässt sich heute nicht nachvollziehen. Plausible Gründe könnten jedoch der kritische Gesundheitszustand des Täuflings oder die Schneelage gewesen sein.
Am 27. Februar 1718 heiratete er Maria Studer. Der Eheeintrag im Matrikenbuch von Blons ist sehr knappgehalten und enthält weder Angaben zu den Trauzeugen noch zum Trauungsort.[23]
Josef und Maria hatten gemeinsam fünf Kinder:
Anna Maria (1719–1768)
Gerold (1721–1768)
Jakob Lorenz (1723–?)
Barbara (1725–?)
Afra Maria (1728–1767) verh. mit Christian Burtscher
Im ersten Sterbebuch von Blons wurden verstorbene Kinder nicht immer eingetragen. Weder für Jakob Lorenz, noch für Barbara befindet sich ein Eintrag im betreffenden Sterbebuch. Maria Studer starb am 31. Dezember 1732 in Valentschina auf dem Sückhof. Ihre Beerdigung fand einen Tag später, am 1. Jänner 1733 in Blons statt.[24]
Am 15. Juni 1733 kam es zu einer Erbteilung zwischen Josef Jenni und seinen Kindern Anna Maria, Gerold und Afra. Hier wird erstmalig das vollumfängliche Vermögen der Familie sichtbar: Zur Erbmasse gehörten der gesamte obere Sückenhof, ein Maiensäß, ein Stall sowie acht Weiden Alprecht auf der Alpe Hinterkamm.[25]
Bereits wenige Monate nach Maria Studers Tod verehelichte sich der Witwer am 13. April 1733 in Rankweil mit Maria Barbara Burtscher (1708–?) aus Valentschina. Diese Ehe war besonders kinderreich:
Maria (1734–1785) verh. mit Thomas Studer
Nikolaus I (1735–?)
Maria Elisabeth (1736–?)
Barbara Maria (1737–1780) verh. mit Franz Jenny
Franz Xaver (1738–1799) zweimal verheiratet, Ammann
Anna Maria (1739–?)
Johann Evangelist (1739–1786) verh. mit Maria Katharina Müller
Maria Anna (1743–?) verh. mit Gerold Fetzel
Nikolaus II (1744–1821) dreimal verheiratet
Elisabeth Maria (1747–1804) verh. mit Johann Jakob Bickel
Katharina Maria (1748–1774)
Für Nikolaus I, Maria Elisabeth und Anna Maria existieren im Matrikenbuch weder Sterbe- noch Firmeinträge. Es darf angenommen werden, dass sie das Erwachsenen- bzw. Firmalter nicht erreichten und bereits im Kindesalter verstarben.
Sowohl Quellen aus dem Klosterarchiv Einsiedeln als auch die Pfarrmatriken bezeugen, dass Josef Jenni wie sein Vater Richter war.
Josef Jenni starb am 5. August 1762 in Valentschina und wurde am 7. August 1762 in Blons beerdigt. In seinem Sterbeeintrag findet sich ein Hinweis darauf, dass bereits sein Vater Gerold Jenni Richter war.[26] Seine zweite Ehefrau Barbara Burtscher verstarb im Jahr 1766 in Blons.[27]
Erwähnenswert ist auch die Todesursache der Tochter Maria Katharina. Sie wurde im Oktober 1774 von einer Lawine verschüttet.[28] Angeblich wurde in Erinnerung an Maria Katharina Jenny ein Wegkreuz errichtet. Dieses befinde sich zwischen den Alpen Vorder- und Hinterkamm.[29]
Ammann Franz Xaver Jenni (1738–1799)
erste Seite des Bestallungsbriefes von Franz Xaver Jenni (KAE) Foto: privat
Ein Sohn aus Josef Jennis zweiter Ehe soll an dieser Stelle besonders erwähnt werden. Franz Xaver wurde am 4. Dezember 1738 um zirka 16 Uhr geboren. Er wurde noch am selben Tag in Blons getauft.[30]
Seine erste Ehe ging er am 14. Februar 1768 in Blons mit Maria Christina Vonblon (1741–1777) ein.[31] Sie hatten sieben gemeinsame Kinder:
Maria Franziska (1768–1829) verh. mit Christian Hartmann
Anton (1770–?)
Josef Anton I (1771–)
Maria Barbara (1772–1804) verh. mit Johannes Evangelist Lorenz
Josef Anton I (1774)
Maria Elisabeth (1775)
Josef Anton II (1776–1777)
Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau im Jahr 1777 heiratete er in Blons Maria Dorothea Hartmann (1748–1800). Sie stammte aus St. Gerold und war die Tochter des Ammanns Johann Hartmann. Die Trauung fand am 1. März 1778 in Blons statt.[32]
Diese Ehe brachte sechs Kinder hervor:
Maria Elisabeth (1779–?) verh. mit Lorenz Pfister
Maria Anna (1781–1814) verh. mit Franz Josef Küng
Maria Dorothea (1783–1826) verh. mit Johann Christian Hartmann
Johann Jakob (1785–?)
Maria Christina Anna (1787–1821) verh. mit Christian Müller
Maria (1789–?)
Der Einsiedler Abt Beat Küttel bestellte Franz Xaver Jenni mittels Bestallungsbriefs vom 8. Mai 1788 zum Amann der freien Reichsherrschaft St. Gerold.[33] Er folgte damit seinem Schwiegervater Johann Hartmann und war der höchste weltliche Beamte. Es gibt keine Hinweise darauf, dass auf Franz Xaver Jenni noch ein weiterer Ammann folgte.
Franz Xaver stirbt am 18. Juli 1799 in St. Gerold, nur wenige Jahre bevor die Herrschaft säkularisiert und unter Regentschaft der Habsburger bzw. später der Bayern kommt. Im Sterbebuch wird angemerkt, dass Franz Xaver ein in Hinblick auf Religion und Staat äußerst verdienter Mann gewesen sei.[34]
Gerold Jenni (1721–1768)
Nach diesem kurzen Exkurs wenden wir uns wieder der direkten Abstammungslinie zu. Josef Jenni und Maria Studers ältester Sohn Gerold wurde am 18. Oktober 1721 in Blons getauft.[35] Mit 25 Jahren heiratete er am 13. November 1746 in Blons Anna Maria Burtscher (1722–1792).[36] Während sein jüngerer Halbbruder Nikolaus (1744–1821) offenbar den elterlichen Hof in Valentschina übernahm, ließ sich Gerold mit seiner Frau in Oberblons nieder. Im Zuge der Hypothekenerneuerung wurde 1888 eine Abschrift einer Urkunde aus dem Jahr 1751 verfacht. In dieser bekennen Gerold Jenni und Anna Maria Burtscher, dass sie der „Spee zu Sankt Gerold“ ein Kapital von 100 Gulden schuldig sind. Als Unterpfand verwenden sie ihren Hof, welcher „Barschill“ genannt wird. Es handelt sich dabei um den sog. Inner Bartschill Hof in Oberblons (heute HNr. 26).[37]
Sie hatten sieben gemeinsame Kinder:
Elisabeth Maria (1748–?) verh. mit Christian Hartmann
Josef (1750–1820) zweimal verheiratet
Christian (1753–1793)
Maria (1755–1816) zweimal verheiratet
Gerold I (1757)
Gerold II (1758–1823) verh. mit Maria Christina Nigsch
Maria Magdalena (1761–1801) verh. mit Gerold Studer
Gerold starb am 24. Jänner 1768 in Oberblons und wurde tags darauf am Pfarrfriedhof beigesetzt.[38] Seine Ehefrau Anna Maria Burtscher verstarb am 27. November 1792. Im Sterbeeintrag wird sie als „des Organisten Mutter“ bezeichnet. Welcher ihrer Söhne damit gemeint ist, bleibt unklar; aufgrund späterer Familienbezüge ist jedoch anzunehmen, dass es sich um Josef (1750–1820) gehandelt haben könnte.[39] Dessen Sohn Nikolaus Kolumban (1781–1839) ist als Organist der Pfarrkirche belegt.
Gerold Jenni (1758–1823)
Gerold Jennis und Anna Maria Burtschers jüngster Sohn Gerold wurde am 24. Oktober 1758 in Blons, vermutlich in Oberblons, geboren.[40] Am 20. April 1789 heiratete er in der Pfarrkirche Blons die aus Valentschina stammende Maria Christina Nigsch (1764–1821). Die Ehe wurde mit einem Dispens versehen, da eine Blutsverwandtschaft im vierten Grad bestand.[41]
Gerold lebte mit seiner Familie in Valentschina auf dem Hof Tanna (Hnr. 59).
Ihre Kinder waren:
Anna Maria I (1790–?)
Johann Josef (1791–1856) verh. mit Maria Vonblon
Gerold (1793–1874) zweimal verheiratet
Anna Maria II (1794–1830) verh. mit Johann Jakob Vonblon
Maria Anna (1796–1845) verh. mit Michael Burtscher
Christian (1797–1865) zweimal verheiratet
Franz Xaver (1799–1851)
Maria (1802–1867)
Rosa Maria (1804)
Andreas (1806–1871) verh. mit Anna Katharina Jenni
Aus einer Liste der Schulkinder der Pfarrei Blons aus dem Jahr 1809 geht hervor, dass Franz, Christian sowie Maria die erste Klasse und Gerold die dritte Klasse der Volksschule in Valentschina besuchten.[42]
Seine Ehefrau Maria Christina Nigsch starb am 6. September 1822 und wurde zwei Tage später in Blons beigesetzt. Gerold selbst verstarb am 31. März 1823 und wurde am 3. April am Pfarrfriedhof begraben.[43]
Eine kleine Anekdote sei noch über den Sohn Franz Xaver erzählt: Er starb am 21. April 1851 in Blons an Schlagfluß. Der Matrikenschreiber konnte sich nicht verkneifen im Sterbebuch zu vermerken, dass Franz Xaver ein geiziger Mensch gewesen sei – worauf er spitz hinzufügte, dass die Erben sich nun freuen dürften. Tatsächlich hinterließ Franz X. Jenni seinen Geschwistern ein Vermögen in Höhe von 2.747 Gulden und 48 Kreuzern.[44]
Gerold Jenni 1793–1874
Gerold Jenni wurde am 9. April 1793 in Blons getauft.[45] Seine Kindheit verbrachte er in Valentschina, wo er auch die Schule besuchte. Eine erhaltene Schülerliste belegt, dass Gerold noch im Alter von 15 Jahren die Volksschule in Valentschina besuchte.[46] Am 27. Mai 1816 heiratete er in Rankweil Maria Rosa Müller aus Valentschina, die Tochter von Johannes Evangelist Müller und Anna Maria Welti.[47]
Kurz zuvor, am 16. Mai 1816, erwarben Gerold Jenni und Maria Rosa Müller von Maria Rosas Mutter Anna Maria Welti sowie deren Kindern Josef, Lorenz und Elisabeth Müller aus der Fassion Nr. 135 folgende Liegenschaften[48]:
BNR 1033: das Wohnhaus Nr. 18 mit zwei besonderen Ställen
BNR 1034: 14 Mittmel zweimädiges Gut beim Haus
BNR 1035: 6 Mittmel einmädige Räuhe bei dem Hausgut
BNR 1040: 1/4 Mittmel Waldung daselbst
Der Kaufpreis für all diese Objekte betrug 1420 Gulden.[49]
Sie hatten drei Söhne und vier Töchter:
Anna Maria (1818–1874)
Gerold (1819–1846)
Franz Anton (1821–1886)
Johann Evangelist (1822)
Rosa Maria (1823)
Katharina Maria (1824)
Maria Elisabeth (1825–1826)
Wie aus dieser Auflistung ersichtlich ist, haben lediglich die ältesten drei Kinder das Erwachsenenalter erreicht.
Maria Rosa Müller starb am 30. Dezember 1825 an Auszehrung. Ihr Testament ist auf den 1. August 1825 datiert und beginnt folgendermaßen: „In Erwegung daß der Todt gewiß aber die Stund des Absterbens unbekannt ist, und ich auch Besinungen zu rug zu lassen und fest zu halten gedenckhe…“.[50]
Der junge Witwer verheiratete sich bereits im darauffolgenden Herbst, nämlich am 23. Oktober 1826 in Rankweil, erneut mit der zehn Jahre älteren Kreszentia Pelagia Müller (1783–1841) aus Fontanella.[51]
Fünf Tage vor der Hochzeit haben die Brautleute in Blons einen Ehevertrag geschlossen. Als Zeugen fungierten Vorsteher Johann Jakob Schäfer und Johannes Schäfer. Gerold Jennis Zutrag zum Vermögen betrug 2060 Gulden, Kreszentias brachte 250 Gulden mit in die Ehe. Der Ehevertrag wurde bei einem gewissen Franz Zerlauth verwahrt.[52]
Sie hatten nur eine gemeinsame Tochter:
Elisabeth Maria (1827–1860) verh. mit Johann Domig
Kreszentia verstarb am 10. Juni 1841 um 18 Uhr zuhause an Skorbut. Nach ihrem Tod verehelichte sich Gerold nicht mehr.[53]
In der Zeitung „Der Bote von Tirol“ vom 8. November 1841 steht, dass „Gerold Jeny von Faletschina“ im Zuge der Militärauslosung vorgeladen wird. Dabei handelte es sich um den Sohn Gerold (1819–1846). Aus seinem Militärgrundbuchblatt geht hervor, dass er am 18. November 1841 Teil des 8. Bataillons des Tiroler Kaiserjägerregiments wurde und auf acht Jahre als Landsturmrekrut verpflichtet war. Er verstarb am 2. Juli 1846 im „Civilspitale zu Montagnana“ bei Padua in Italien an Nervenfieber.
Als 1857 die Hausnummern in Blons neu geordnet wurden, fertigte man zur Genehmigung eine Konkordanzliste an. In dieser Liste wird Gerold Jenni als Gemeinderat bezeichnet.[54]
Im Jahr 1865 lieh Gerold Jenni dem Franz Leonhard Dünser aus Marul 85 Gulden (Reichswährung). Der Darlehensnehmer verwendete dafür sein Haus Nr. 53 und dazugehörige Güter als Unterpfand.[55] Dünser dürfte sich recht stark überschuldet haben, denn im Mai 1866 kam es auf Betreiben des Franz Anton Graß aus Innerbraz zur Versteigerung seines Eigentums. Gerold Jenni ersteigerte daraufhin die Realitäten um 1700 Gulden.[56] Wie die Familie Jenni diesen Besitz in Marul dann schlussendlich nutzte, ist nicht überliefert.
Etwas sei noch angemerkt: Gernot Ganahl stellte mir dankenswerterweise die Forschungsergebnisse seines Schwiegervaters Eugen Dobler (1910–2011) für das Haus Nr. 69 zur Verfügung. Darin schreibt Dobler: „Gerold Jenni (reicher Mann, der 100fl. für 70fl. bar ausleihte!)“[57] Leider lässt sich das nur schwer überprüfen, da es kaum Hinweise im Verfachbuch darüber gibt.
Gerold starb am 26. März 1874 zuhause an Altersschwäche im beachtlichen Alter von 80 Jahren.[58] Zwei Tage später wurde er in Blons begraben. Seine Tochter Anna Maria folgte ihm drei Tage später in den Tod.[59] Da die jüngste Tochter bereits 1860 am Türtsch (Gde. Sonntag) verstarb, war der Sohn Franz Anton das einzig überlebende Kind. Er erhielt das Heimatgut in Valentschina, die Besitzungen in Marul sowie zwölf Kuhweiden Alprecht samt Hütte auf der Alpe Steris (Gde. Sonntag). Im Gegenzug musste er die drei Kinder seiner verstorbenen Halbschwester Maria Elisabeth auszahlen.[60]
Franz Anton Jenni (1821–1886)
Über Franz Anton Jenni ist allgemein nur sehr wenig bekannt. Er wurde am 30. Jänner 1821 um 5 Uhr früh in Valentschina geboren und bereits drei Stunden später in Blons getauft. Seine Taufpaten waren Christian und Elisabeth Nigsch.[61] Mit 47 Jahren heiratete er die 29-jährige Elisabetha Jenni (1838–1887) von Unterhüggen. Sie war die Tochter von Johann Josef Jenni (1810–1865) – einem Cousin 2. Grades von Franz Anton. Die Ehe wurde, wie damals üblich, im Marienwallfahrtsort Rankweil geschlossen.[62]
Das Paar hatte neun Kinder:
Gerold (1869–1894)
Augustin (1871–1926)
Pirmin (1872–1873)
Katharina (1873–1920)
Philomena (1874–1913) verh. mit Franz Josef Frick
Franz Anton (1875–1932) verh. mit Anna Maria Wachter
Johann Josef (1877)
Elisabeth Maria (1879–1883)
Rosa Maria (1880–1913)
Während die ersten sechs Kinder allesamt in Blons 69 geboren wurden, kamen die letzten drei Kinder in Blons 84 zur Welt. Dieses Haus befand sich unter der Straße – in Untervalentschina. Weshalb die Kinder dort zur Welt kamen, ist unklar. Ein Vergleich des Luftbilds der 1950er Jahre mit dem Franziszseischen Kataster zeigt, dass sich das Haus sowohl in Grundriss als auch in Position unterscheidet. Es könnte auf einen Neubau des Hauses in dieser Zeit hindeuten. Am 15. Februar 1886 kam Franz Anton Jenni durch ein tragisches Unglück zu Tode. Der Matrikenschreiber vermerkte bei der Todesursache „wurde im Walde von einem Stück Holz erschlagen“. Bereits zwei Tage später fand das Begräbnis in Blons statt. Er hinterließ neben seiner Witwe sieben Kinder, wovon das jüngste gerade einmal vier Jahre alt war.[63] Dem nicht genug folgte ihm fast genau ein Jahr später seine Frau Elisabetha Jenni in den Tod nach. Sie starb an einem Lungenkatarrh am 18. Februar 1887.[64] Somit waren ihre sieben Kinder nun Vollwaisen. Da die Mutter beim Tod von Franz Anton Jenni nur einen Erbteil in Form eines Fruchtgenusses erhielt, wurden nach ihrem Tod keine Urkunden gesondert verfacht.
Allmählich zeichnete sich ein Trend ab, der sich auch in der nachfolgenden Generation fortsetzen sollte. Abgesehen von jenen Kindern, die recht jung starben, verließen alle anderen das Tal. Philomena Jenni heiratete 1895 Franz Josef Frick (1868–1954) und zog zu ihm nach Sulz ins Rheintal. Katharina Jenni dürfte sich anfänglich auch dort aufgehalten haben, denn ihr unehelicher Sohn Pirmin kam in jenem Ort 1902 zur Welt.
Franz Anton heiratete 1901 Anna Maria Wachter (1876–1912) aus Gaschurn und lebte zuerst mit seiner Familie in Röns, später dann in Tschagguns. Dort verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Schweinehändler, was ihm den Übernamen „Schwiemännlis Franz“ einhandelte.
Seine Doppelhaushälfte in Röns verkaufte er später an seine zwei ledigen Schwestern Katharina und Rosa Maria. Die beiden Frauen lebten dort gemeinsam mit Katharinas unehelichem Sohn Pirmin (1902–1978).
Lediglich Augustin blieb im Großen Walsertal und zahlte allmählich seine Geschwister aus. 1897 verkauften die fünf Geschwister ihr gemeinsam-ererbtes Haus in Marul an Anton Burtscher.[65] Philomena ließ sich bereits 1896 auszahlen[66] und Gerold verstarb 1894.
Augustin Jenni (1871–1926)
Augustin Jenni wurde am 14. Jänner 1871 in Blons 69 geboren und noch am selben Tag getauft. Seine Taufpaten Augustin Hartmann, von dem er auch den Vornamen erhalten haben dürfte, und Katharina Jenni.[67]
Das Sakrament der Firmung wurde ihm am 30. Oktober 1883 in Sonntag vom Brixner Fürstbischof Dr. Simon Aichner (1816–1910) gespendet. Sein Firmpate war Columban Jenni (1846–1903) – ein kinderloser Onkel mütterlicherseits.[68]
Im Allgemeinen ist über sein frühes Leben wenig bekannt. Am 11. Jänner 1904 heiratete er in Rankweil Katharina Walter (1884–1966) aus Schruns.[69]
Die Ehe war äußerst kinderreich, insgesamt wurden fünfzehn Kinder zur Taufe getragen:
Familie Jenni-Scheffknecht vor dem Elternhaus Blons Nr. 69 – Foto: privat sitzend v.l.: Katharina Scheffknecht, Rudolf Scheffknecht stehend v.l.: Katharina Dünser, Frida Honeck, Martha Burtscher, ubk., Florentina Blaser, Lisa Haller, Luise Gringl, Elisabeth Jenni, Josef P. Jenni, Augustin Jenni, Helene Jenni, Bernhard Jenni, Hermann Jenni hinten stehend v.l.: Ernst Burtscher, Arnold Jenni
Josef Philipp (1904–1969)
Maria Elisabeth (1905–1993) verh. mit Adolf Haller
Martha (1907–1990) verh. mit Josef Nigsch & Ernst Burtscher
Hermann (1908–1990) verh. mit Kreszentia Burtscher
Augustin Alois (1909–1984) verh. mit Elisabeth Bertolini
Arnold (1910–1986) verh. mit Martina Bertsch & Emma Sonderegger
Bernadette (1912–1978) verh. mit Jakob Hummer
Katharina (1913–1986) verh. mit Alfons Dünser
Florentina (1915–1998) verh. mit Lorenz Blaser
Franz Josef Benedikt (1917–1974)
Markus (1919)
Bernhard (1920–1988) verh. mit Helene Weixelbaum
Marianus (1922–1944)
Maria Frida (1923–1965) verh. mit Otto Honeck
Aloisia (1927–2012) verh. mit Josef Gringl
Es gab immer wieder Erzählungen darüber, dass Augustin Metzger bzw. Lohnmetzger gewesen sei und auf den verschiedenen Höfen im Tal seine Arbeit verrichtete. Eine entsprechende Bestätigung, dass er als Fleischer tätig war, findet man in einem Adressbuch aus dem Jahr 1912. Dort wird neben Johann Bischof auch Augustin Jenni als Fleischer in Blons angeführt.[70]
Im September 1918 kaufte Augustin Jenni das mittlere Furgengut in der Nachbargemeinde Damüls. Damit waren auch Alp- bzw. Weiderechte in Oberdamüls verbunden.[71]
Von jenen vierzehn Kindern, die das Erwachsenenalter erreichten, verließen bis in die 1960er Jahre dreizehn das Tal. Lediglich Tochter Martha war in Sonntag-Seeberg zuerst mit Josef Nigsch, später mit Ernst Burtscher verheiratet.
Am 23. März 1926 verstarb Augustin Jenni an einer Lungentzündung. Zuvor spendete ihm P. Marianus Winiger OSB, der auch Namensgeber für den jüngsten Sohn war, die Sterbesakramente. Bereits zwei Tage später wurde Augustin am Ortsfriedhof begraben.[72]
Bernhard Jenni (1920–1988)
Bernhard Jenni wurde am 19. Mai 1920 in Blons Nr. 69 geboren und sofort notgetauft. Seine Taufpaten waren Alois Dobler und seine angeheiratete Großtante Rosa Jenni geb. Dietrich aus Garsella.[73] Nachdem er 1934 ausgeschult worden war, half er zuhause in der elterlichen Landwirtschaft mit. Im Sommer 1936 verdiente er sich sein Geld auf der Alpe Vorderkamm bei Josef Gerold Jenni (1897–1965) in Blons. Bis zum Wehrdienst 1938 arbeitete er in der elterlichen Landwirtschaft und war sporadisch als Hilfsarbeiter im Straßenbau tätig.[74]
Am 9. September 1938 unterzog er sich in Bludenz der Musterung für die Wehrmacht und wurde der Luftwaffe zugeteilt. Am 29. November 1938 rückte er in die Fliegerersatzabteilung 14 in Klagenfurt ein, wo er am 15. Dezember vereidigt wurde. Bis Jänner 1940 war er in Klagenfurt stationiert, ehe er am 22. Jänner 1940 in die Jagdfliegerschule Schwechat versetzt wurde und dort der 1. Technischen Kompanie angehörte. Im Wehrstammbuch befindet sich eine Eintragung vom 1. Juni 1940, die lautet: 1. / F. S. L., Halle/S. Dabei dürfte es sich um das 1. Feld-Straf-Lager in Halle an der Saale handeln, leider gibt es dazu keine näheren Angaben. Nach dieser Eintragung scheinen die Aufzeichnungen nicht fortgeführt worden zu sein, vielmehr wurden sie später ergänzt, wenn auch sehr lückenhaft. Bis zum 31. Mai 1941 war er bei der 3. Staffel der Jagdfliegerschule 5 und ab 1. Juni 1941 beim Fliegerhorstkommando Schwechat. Dazwischen wurde er zum Flugplatzkommando 5/XVII Parndorf versetzt, dort blieb er bis 5. Mai 1942. Anschließend war er beim Hauptarchiv und der Kartenstelle des Luftflottenkommandos 4. Bis zum 28. Jänner 1944 war er beim Flieger-Ersatz-Bataillon XVII Wien. Vom 29. Jänner 1944 bis zum 30. August 1944 war er im Kriegsgefangenenlager der Luftwaffe Nr. 3 in Sagan (heute: Żagań, Polen) stationiert.[75] In dieser Zeit ereignete sich auch ein Fluchtversuch aus dem Lager, der die Exekution von 50 Gefangenen nach sich zog.[76] Ab dem 31. August 1944 war er Fallschirmjäger und dem Lager Gardelegen zugewiesen.
Am 1. November 1939 wurde er zum Gefreiten und am 1. August 1941 zum Obergefreiten befördert.[77]
Brand der Landwirtschaft an der Schlinser Bahnhofstraße im Jahr 1987 – Foto: privat
Während seines Militärdienstes heiratete er am 21. Juni 1941, die aus Schwechat stammende Helene Weixelbaum (1922–2007). Die ersten beiden Töchter kamen noch in Schwechat zur Welt. Am Tag der deutschen Kapitulation wurde der älteste Sohn, bereits in Vorarlberg, geboren. Überlieferungen zufolge lebte die junge Familie zuerst in Blons, später dann bei Bernhard Jennis Schwester Bernadette in Nenzing. Insgesamt brachte die Ehe zehn Kinder, sieben Töchter und drei Söhne, hervor.
Nach dem Kriegsdienst befand er sich bis April 1946 im Krankenstand, ehe er vom 4. April 1946 bis zum 11. April 1947 Wachmann im Internierungslager Brederis war. Dort wurden schwer-belastete NSDAP-Mitglieder nach Kriegsende inhaftiert. Dies ist insofern bemerkenswert, da zwei seiner Brüder nachweislich NSDAP-Mitglieder waren. Bis Juli 1948 bestritt er den Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter in der Forst- und Bauwirtschaft. Von August 1948 bis April 1957 war er bei der Wildbachverbauung tätig und lebte mit seiner Familie in Latz, einer abgeschiedenen Fraktion der Gemeinde Nenzing. Von Mai 1957 bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Kraftfahrer für die Brauerei Frastanz.[78]
Nachdem sein jüngster Bruder Marianus im Zweiten Weltkrieg gefallen war, sollte Bernhard die elterliche Landwirtschaft in Blons übernehmen. Ein erheblicher Schaden am Hof entstand bereits bei der Lawinenkatastrophe 1954, als die sogenannte Mura-Lawine den Hausstall zerstörte.[79] Als im Jahr 1960 das Wohnhaus abbrannte und infolge mangelnder Löschwasserversorgung der Brand nicht eingedämmt werden konnte[80], erübrigte sich das Vorhaben der Hofübernahme. Mithilfe seines Bruders Arnold Jenni gelang es ihm 1960 eine kleine Landwirtschaft von der Familie Bernhart in Schlins-Frommengärsch zu erwerben. Neben der Landwirtschaft war Bernhard Jenni auch als Metzger im Nebenerwerb tätig. Familiären Überlieferungen zufolge soll er eine Ausbildung zum Metzger gemacht haben, was sich anhand der vorliegenden Quellen nicht zweifelsfrei belegen lässt. Dennoch ist es naheliegend, dass er das Handwerk von seinen älteren Brüdern bzw. von seinem Stiefvater Rudolf Scheffknecht (1870–1958) erlernt hatte. Letzterer war vor seiner Heirat mit der Witwe Katharina Jenni geb. Walter (1884–1966) als Gastwirt und Koch in Bludenz tätig.
Am 16. September 1987 traf ihn ein schwerer Schicksalsschlag, als im Stall ein Brand ausbrach, der rasch auf das Wohnhaus überging und den kleinen Bauernhof völlig zerstörte.[81] Im darauffolgenden Jahr wurde mit dem Neubau des Hofs begonnen, dessen Vollendung er aber nicht mehr erlebte. Am 19. Juni 1988 verstarb er an Lungenkrebs in der Lungenheilstätte Gaisbühel. Zwei Tage später wurde er in Schlins begraben. Den Neubau bewohnten später seine Witwe sowie die zweitjüngste Tochter mit ihrer Familie.
[18] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 446/6, pag. 4, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 07.12.2025
[19] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 446/6, pag. 12, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 07.12.2025
[20] vgl. Josef Grabherr, „Die reichsfreie Herrschaft St. Gerold. Beitrag zur Landes- und Cultur-Geschichte Vorarlbergs“ in: Jahres-Bericht des Vorarlberger Museums-Vereins (36) 1897, 18–100, hier 79
[26] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 447/1, pag. 33, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 07.12.2025
[27] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 447/1, pag. 36, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 07.12.2025
[28] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 447/1, pag. 45, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 07.12.2025
[29] vgl. Hertha Glück, Alpe Sera: Ein walserisches Alpendorf, in: Neue Vorarlberger Tageszeitung vom 01.08.2013, online über WISO, abgerufen 7. Dezember 2025
[30] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 446/7, pag. 20, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 07.12.2025
[31] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 447/1, pag. 42, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 07.12.2025
[32] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 447/1, pag. 58, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 07.12.2025
[33] vgl. KAE, F.KB.8, Bestallung Franz Jenni Ammann St. Gerold, 8. Mai 1788
[34] vgl. VLA, Pfarrei St. Gerold, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch 1779-1890, Sig. 446/5, pag. 10, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 07.12.2025
[35] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 446/6, pag. 59, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 18.04.2026
[36] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 447/1, pag. 19, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 18.04.2026
[47] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 447/1, pag. 84, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 18.04.2026
[48] BNR steht für Besitznummer und war eine Art Grundstücksnummer, die während der Bayerischen Zeit (1806–1814) in Vorarlberg im Zuge der Katasteranlegung eingeführt wurde. Sie wurde 1857 von den Bau- und Grundparzellennummern des österreichischen Grundsteuerkatasters abgelöst.
[49] vgl. VLA, LG Sonnenberg Hs. 54 (30), pag. 367–370
[67] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 447/1, pag. 242, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 16.02.2026
[68] vgl. VLA, Pfarrei Blons, Tauf-, Firm-, Trauungs- und Sterbebuch, Sig. 447/1, sine pagina, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 01.03.2026
[69] vgl. ADF, PA Blons, Matrikenbuch Tom. III, pag. 21f, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 16.02.2026
[70] vgl. Leuchs Adreßbuch für Industrie, Handel und Gewerbe. Tirol, Vorarlberg und Liechtenstein, Nürnberg: Verlag von C. Leuchs & Co. 1912., 34a.
[71] vgl. Günther Bischof, Damüls. Ein Walserdorf erzählt seine Geschichte, Damüls 2024, 519.
[72] vgl. ADF, PA Blons, Matrikenbuch Tom. III, pag. 97f, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 25.02.2026
[73] vgl. ADF, PA Blons, Matrikenbuch Tom. III, pag. 118f, digitalisiert auf Matricula Online, Zugriff am 25.02.2026
Dieser Beitrag wurde im Jahrbuch 2025 der Österreichischen Gesellschaft für Familien- und regionalgeschichtliche Forschung (ÖFR) erstveröffentlicht.
Im Wien des 19. Jahrhunderts gab es für Frauen nur wenige Möglichkeiten der Erwerbstätigkeit, sie waren daher häufig als Dienstmädchen tätig. Neben Nieder- und Oberösterreich stammten die meisten von ihnen aus Böhmen und Mähren. Der vorliegende Beitrag behandelt die rechtlichen und sozialen Aspekte, mit denen Dienstmädchen in Wien vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegszeit konfrontiert waren.
In diesem Zeitraum stellte die Gruppe der Dienstboten eine nennenswerte Größe dar. Bis in die 1850er-Jahre standen konstant rund 15 % der Bevölkerung im Dienst, in der Wiener Innenstadt waren es in der Zeit des Vormärz (1815-1848) sogar 45 %. Ab 1850 ging der Anteil kontinuierlich zurück und lag im Jahr 1880 bei 13 % der Gesamtbevölkerung. Die Zahl der Dienstboten pro Haushalt hing von den wirtschaftlichen Verhältnissen der Dienstgeber ab. Während der Adel und das Großbürgertum zahlreiche Dienstboten beschäftigten (der Fürst von Liechtenstein beispielsweise 76), waren in den Haushalten des Bürgertums nur wenige, beim Großteil der Bevölkerung keine Dienstboten beschäftigt. Die Mehrzahl der Dienstboten waren Frauen, ihr Anteil stieg von rund 75 % zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf rund 97 % im Jahr 1900.[1]
Überblick über die gesetzlichen Bestimmungen
Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts fanden sich in den Polizeiordnungen Kaiser Ferdinands I. Bestimmungen über das Gesinde, die unter dem Titel „Von gereisigen, auch anderen Knechten, gemeinen Dienern und Gesinde“ zusammengefasst wurden. Weitere Bestimmungen und Generalpatente wurden in den folgenden Jahrzehnten erlassen. Die erste umfassende Gesetzgebung für die österreichischen Erblande erfolgte jedoch erst im Jahr 1765 durch Kaiserin Maria Theresia. Darin waren vor allem die Pflichten der Dienstboten, aber auch die Aufsichts-, Erziehungs- und Züchtigungsrechte der Dienstgeber geregelt.[2] Unter Kaiser Joseph II. wurde erstmals zwischen ländlichem und städtischem Gesinde unterschieden. Die im Jahr 1782 für die Städte Böhmens, Mährens und Schlesiens erlassene Stadtdienstbotenordnung wurde 1784 auf Wien und 1787 auf alle Städte der Monarchie ausgedehnt. Erst durch diese Stadtdienstbotenordnung unterlagen die Dienstboten nicht mehr dem Familienrecht, sondern standen in einem Vertragsverhältnis, in dem allerdings zahlreiche Eingriffe in die persönliche Freiheit fortbestanden.[3] Die von Kaiser Joseph II. erlassene „Landdienstbotenordnung“ war ab 1787 für Innerösterreich gültig.
Bis zur Einführung des Hausgehilfengesetzes im Jahr 1920 waren die Dienstbotenordnungen in der Habsburgermonarchie auf regionaler Ebene geregelt. Dabei hatten jedes Kronland und teilweise auch einzelne Städte oder Bezirke eine eigene Ordnung. Allen vor 1920 geltenden Dienstbotenordnungen war gemein, dass eine Trennung zwischen privatem und öffentlichem Recht kaum vorhanden war und sie sich mehr an der mittelalterlichen Tradition des „ganzen Hauses“ orientierten.[4]
Die „Gesindeordnung für die Stadt Wien“ des Jahres 1810
Die unter Kaiser Franz I. am 12. Jänner 1810 für Wien erlassene Gesindeordnung regelte nur wenige Aspekte zentral, die meisten Bedingungen durften die Dienstgeber beliebig bestimmen. Die sogenannte „Hausgenossenschaft“ stellte daher umso mehr ein Abhängigkeitsverhältnis dar.[5] Dieser Rückschritt gegenüber der unter Kaiser Joseph II. eingeführten Dienstbotenordnung war darauf zurückzuführen, dass sich zahlreiche „Diensthälter“ über den „Luxus“ und „Sittenverfall“ des „Dienstvolks“ im Zuge der liberaleren josephinischen Ordnung beklagt hatten.[6]
Zu den zentral geregelten Aspekten zählte unter anderem das Ausgehrecht. In § 76 wird festgehalten, „ohne Vorwissen oder Erlaubnis des Dienstherrn soll ein Dienstbothe auf längere Zeit weder ausgehen, noch über die gegebene Erlaubniszeit aus dem Haus bleiben“. Da die Gesindeordnung die Dienstboten auch zu „Treue, Fleiß und Willigkeit“ sowie zu „Sorgfalt und Haftung“ verpflichtete, konnte der Dienstgeber das Personal im Falle eines Schadens am Eigentum haftbar machen. „Ausschweifungen außer Haus“ oder Verstöße gegen das Ausgehrecht waren Gründe für eine fristlose Entlassung. Bei Verdacht auf Diebstahl war der Dienstgeber berechtigt, mittels des „Visitierungsrechts“ den Besitz des Dienstpersonals in Gegenwart zweier Zeugen zu durchsuchen. Für Streitigkeiten zwischen dem Dienstpersonal und dem Dienstgeber war nicht das Gericht, sondern die Polizei zuständig.[7] Der Dienstgeber hatte dem Dienstpersonal gegenüber auch das sogenannte „Züchtigungsrecht“. Dazu wird in § 88 festgehalten: „Wo bey größeren Fehlern, oder oftmahligen Rückfällen, gelindere Zuchtmittel nicht zureichten, ist der Diensthälter von den strengern Mitteln einer körperlichen Züchtigung Gebrauch zu machen befugt; wobey jedoch die Gränzen der geziemenden Mäßigung nicht überschritten, noch dieses Befugnis in irgend einem Falle bis Mißhandlung ausgedehnt werden darf.“[8]
Zu den in der Gesindeordnung geregelten Rechten des Dienstpersonals zählten ein der Höhe nach nicht definierter Geldlohn, Kost und Logis sowie eine vierwöchige Fürsorgepflicht im Falle einer Krankheit. Längere Krankheiten führten zum Verlust des Arbeitsplatzes. Da es weder Kranken-, Alters- noch Arbeitslosenversicherung gab, war länger erkranktes Dienstpersonal auf sich allein gestellt.[9]
Die Polizei-Oberdirektion war für die allgemeine Übersicht, die Polizei-Bezirksdirektionen für die tatsächlichen Belange des Dienstbotenwesens zuständig.[10] Zu letzteren zählte auch die Ausstellung einer schriftlichen Erlaubnis, in Dienst treten zu dürfen. Die Polizei führte Register über die „Erlaubniß zu Lohndiensten Befugten“.[11] § 125 der Gesindeordnung erinnerte angehende und bereits in Anstellung befindliche Dienstboten daran, „überzeugt zu seyn, daß die Polizey einen eigenen und besonderen Auftrag hat, sie stets im Gesichte zu behalten […]“[12].
Die „Dienstordnung für das Hauspersonal“ des Jahres 1911 für Niederösterreich und Wien
Am 28. Oktober 1911 vom niederösterreichischen Landtag beschlossen, sollte die Dienstbotenordnung des Jahres 1911 die bestehende Gesindeordnung ablösen. Zu diesem Zeitpunkt galten innerhalb der Monarchie 24 verschiedene Dienstbotenordnungen, die zum Teil noch auf Kaiser Joseph II. zurückgingen. Die Umsetzung von zentralen Forderungen der Frauenbewegung fehlte jedoch: Die Dienstbotenordnung enthielt keine Arbeitszeitregulierung, keine Abschaffung des Dienstbotenbuchs, die Zuständigkeit der Polizei blieb bestehen, es gab keine Bestimmungen zu Lohntarifen, Unfall- oder Krankenversicherung.[13] Das Ausgehrecht wurde im Vergleich zur Wiener Gesindeordnung des Jahres 1810 sogar noch weiter verschärft und legte ein generelles Ausgehverbot ohne die Erlaubnis der Dienstgeber fest. Das „Züchtigungsrecht“ wurde allerdings abgeschafft.[14] Als Hauspersonal bzw. Hausgehilfen galten in der Dienstbotenordnung all jene Personen, die zur Leistung von Diensten für die Hauswirtschaft eines Dienstgebers angestellt und in die Hausgemeinschaft aufgenommen waren. Im Gegensatz zum Hausgehilfengesetz des Jahres 1920 (siehe unten) galt die Dienstbotenordnung auch für landwirtschaftliche Tätigkeiten.[15]
Das „Hausgehilfengesetz“ des Jahres 1920
Das am 26. Februar 1920 im österreichischen Parlament beschlossene „Gesetz über den Dienstvertrag der Hausgehilfen“ („Hausgehilfengesetz“) regelte die Aspekte der Bezahlung, Verpflegung und Unterkunft. Mit seinen Bestimmungen zu Überstunden, Kündigungsschutz sowie der Einführung von fixen Ruhezeiten und Urlaubsansprüchen galt es als zeitgemäß. Allerdings fehlten darin auch weiterhin Bestimmungen bezüglich einer Alters- und Arbeitslosenversicherung.[16]
Rechtliche Aspekte
Viele Bestimmungen in den Ordnungen der Jahre 1810, 1911 und 1920 waren äußerst vage formuliert, sodass die Hausangestellten häufig der Willkür ihrer Dienstgeber und Dienstgeberinnen ausgesetzt waren. Die Dienstbotenordnung (1911) erlaubte es der „Herrschaft“ beispielsweise, dem Dienstpersonal „Zurechtweisungen“ zu erteilen. Verließ ein Dienstmädchen[17] ohne Erlaubnis das Haus, so war dies ein Entlassungsgrund. Es oblag auch der Genehmigung der Dienstgeberin[18], ob und welchen Besuch ein Dienstmädchen empfangen durfte.[19] Hugo Morgenstern, zur Zeit der Jahrhundertwende der führende Experte auf dem Gebiet des Gesinderechts, stellte dazu im Jahr 1912 fest: „Heutzutage stellt sich der Dienstbote unzweifelhaft als derjenige Lohnarbeiter dar, welcher, weil ganz eng dem Haushalts- und Wirtschaftsorganismus einverleibt, verglichen mit allen anderen Lohnarbeitern, am wenigsten Freiheit genießt;“[20] Obwohl das Hausgehilfengesetz im Jahr 1920 durchaus zu Verbesserungen führte, blieb die Umsetzung der gesetzlichen Rahmenbedingungen unbefriedigend. [21]
Wer galt als Dienstgesind/Dienstbote/Hausangestellte?
In der Gesindeordnung des Jahres 1810 erfolgte folgende Definition: „Die Benennung: Dienstboth, Dienstvolk, Dienstgesind, welche unter der Verbindlichkeit dieser Gesindordnung stehen, begreift einzeln, oder zusammengenommen diejenigen Personen, die sich gegen bestimmten Lohn, ohne, oder mit noch andern Nebenbedingungen, als für Kost, Kleidung u. dgl. auf längere Zeit, bey Privaten zu Dienst verdingen, mit Ausnahme der Haushofmeister, des Kanzley-Personals, der Wirtschafts- und Casse-Beamten, auch überhaut aller Bedienungen, zu deren Bekleidung eine wissenschaftliche Vorbereitung erfordert wird.“[22] Als darunter zu verstehende Berufe für Männer galten: „Kammerdiener und alle Haus-Officianten überhaupt; alle Bediente ohne Ausnahme, ob sie Livre tragen oder nicht; Köche, Küchenjungen, Büchsenspanner; Jäger; Portiers; Laufer; Leibhusaren; Mohren; Jokey’s; Tafeldecker; Zimmerputzer; Ofenheitzer; Stallmeister; Reitknechte; Stallknechte; Kutscher; Hausknechte; Kellner und Aufwärter in den Gasthöfen, Wein- und Bierhäusern; Marqueure auf den Billards.“ Zu den Berufen für Frauen zählten: „Kammerjungfern, Wirthschafterinnen; Stubenmädchen; Kindsmädchen und Weiber; Köchinnen; Haus-Küchen- und Extra-Mägde; Kellnerinnen; Handarbeiterinnen bey Putzmacherinnen“.[23]
Die Dienstbotenordnung des Jahres 1911 definierte wie folgt: „Unter Hauspersonal im Sinne dieses Gesetzes sind jene Dienstnehmer zu verstehen, welche gegen Entgelt Dienste nicht höherer Art in der Haus- oder Landwirthschaft des Dienstgebers leisten und regelmäßig in dessen Hausgemeinschaft aufgenommen werden sollen.“[24]
Bezahlung
Die Bezahlung umfasste Geldlohn, Naturallohn und sonstige Bezüge. Dabei gaben die Gesindeordnung von 1810 und die Dienstbotenordnung von 1911 weder eine Mindesthöhe des Geldlohns noch Bestimmungen zum Naturallohn in Form von Kost und Logis vor.[25]
Geldlohn
Im Jahr 1879 verdienten eine Köchin oder ein Stubenmädchen in einem bürgerlichen Haushalt beispielsweise zwischen 12 und 15 Gulden[26] im Monat, ein „Mädchen für Alles“ sieben Gulden. Der Mindestlohn eines Arbeiters lag zur gleichen Zeit bei 50 Gulden.[27]
Im Jahr 1925 wurden durch eine Vereinbarung zwischen den Hausangestellten- und Dienstgeber-Organisationen Mindestlöhne für die einzelnen Tätigkeitsbereiche eingeführt, die jedoch in der Praxis häufig unterschritten wurden, wie eine etwas mehr als ein Jahr nach der Einführung durchgeführte Studie der Wiener Arbeiterkammer zeigt.[28]
Tabelle 1: Monatlicher Mindestlohn 1925 in Wien und dessen Einhaltung 1926[29]
Naturallohn
Als „Naturallohn“ werden Unterkunft und Verpflegung bezeichnet. Die Art der Unterbringung wurde erst im Hausgehilfengesetz (1920) festgelegt, zuvor oblag sie den Wünschen der Dienstgeberin.
„§ 6 (1) Die Unterkunft muß so beschaffen sein, daß sie die Gesundheit und Sittlichkeit des Hausgehilfen nicht gefährdet. Der Schlafraum muß von innen abschließbar sein.
(2) Zur Aufbewahrung seiner Habe ist dem Hausgehilfen ein sicher verschließbares Behältnis beizustellen.“[30]
Oral History-Interviews mit ehemaligen Dienstmädchen der Zwischenkriegszeit zeigen, dass Theorie und Praxis häufig weit auseinander lagen: Zwölf von zwanzig für eine Dissertation Befragten schliefen in der Küche. Weitere Schlafplätze waren der Vorraum, ein Platz neben der Kohlenkiste, eine Rumpelkammer, eine Werkstatt oder der Ordinationsraum des Hausherrn, der Arzt war. Ein Dienstmädchen schlief in der Küche, obwohl das Zimmer des im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohnes leer stand. Nur eines der befragten ehemaligen Dienstmädchen hatte ein versperrbares Zimmer.[31]
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren die Schlafbedingungen noch schlechter, wie Beschreibungen der Wohnverhältnisse um 1894 zeigen:
Nun muß man berücksichtigen, daß das Fenster einer solchen Küche fast überall in einen Lichthof geht, von wo in jeder Jahreszeit keine frische, wohl aber eine verpestete Luft weht, sowie daß in der wärmeren Zeit die Herdfeuerung eine solche Küche nie auskühlen läßt und die Mehrzahl derselben so finster ist, daß darin den ganzen Tag meist Gaslicht brennt, und es wird Jedem einleuchten, daß der Schlaf in einem solchen Raume keine Erquickung und der nächtliche Aufenthalt daselbst gesundheitsschädlich ist.“[32]
Sonstige Bezüge und Geschenke
Zweifelsohne gab es auch Dienstgeberinnen, die positiv auffielen. So erzählte Frau B. B. in ihrem Oral History-Interview: „Wie i‘ sechzehn Johr‘ dort wor, is‘ sie in der Früh‘ in die Küche ‘kommen, und do hot sie immer trog’n einen Ring mit einer Perle und ein kleiner Brillant. Und da is‘ sie in die Küche ‘kommen, schaut mi‘ an, sagt sie: „Wissen s‘, wos heut‘ is‘?“, sog‘ i‘: „No jo, i‘ waß eh, i‘ waß scho‘.“ Hot s‘ den Ring ‘runterg’numma und hot ‘nan mir ang’steckt.“[33] Üblicher waren hingegen Geschenke wie Kleidung, unter anderem auch jene Dienstkleidung, die bei der Arbeit getragen werden musste. Wenn die Familie Gäste hatte, war es üblich, dass diese dem Dienstmädchen Trinkgeld gaben.[34]
Arbeitszeit
Die Gesindeordnung von 1810 enthielt keine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit, legte aber fest, dass das Dienstpersonal den Dienstgebern und Dienstgeberinnen ständig, also 24 Stunden pro Tag, zur Verfügung stehen musste. Tägliche Arbeitszeiten von 6 Uhr morgens bis 11 Uhr abends, an Werk-, Sonn- und Feiertagen, entsprachen der Norm.[35] Bei gesellschaftlichen Anlässen am Abend kam das Personal oft erst um 2 oder 3 Uhr nachts zur Ruhe.[36]
Die Dienstbotenordnung von 1911 beschrieb die tägliche Arbeitszeit nur äußerst vage, daher konnte die „Gnädige Frau“ im folgenden Rahmen bestimmen: „Auch darf die tägliche Arbeitszeit des Dienstnehmers nicht zum Nachteile seiner Gesundheit über das seinem Lebensalter und seiner Arbeitskraft entsprechende Ausmaß verlängert werden.“[37] Jede zweite Woche sollten die Dienstboten wenn möglich am Sonntag sieben Stunden frei bekommen.[38]
Das Hausgehilfengesetz von 1920 enthielt erstmals genauere gesetzliche Angaben zur Arbeitszeit. Die zuvor unbeschränkte tägliche Arbeitszeit wurde auf 13 Stunden begrenzt, wodurch Dienstboten weiterhin schlechter gestellt waren als Arbeiter und Arbeiterinnen: „Dem Hausgehilfen muß eine tägliche ununterbrochene Ruhezeit von mindestens neun Stunden gewährt werden, die in der Regel in die Zeit von 9 Uhr abends bis 6 Uhr früh zu fallen hat. Außerdem ist ihm täglich eine Ruhezeit von insgesamt zwei Stunden einzuräumen, die insbesondere zur Einnahme der Hauptmahlzeiten zu verwenden ist.“[39]
In der Praxis lag die tägliche Arbeitszeit jedoch in beinahe zwei Drittel der Fälle über der täglichen Höchstarbeitszeit von 13 Stunden, wie die bereits erwähnte Befragung der Wiener Arbeiterkammer aus dem Jahr 1926 ergab:
Tabelle 2: Tägliche Arbeitszeit von Hausgehilfinnen in Wien im Jahr 1926[40]
Auch bei den täglichen Ruhezeiten klafften Theorie und Praxis auseinander. Nur ein Drittel der Befragten gab an, regelmäßige Ruhepausen zu haben. 6,85 % hatten nur fallweise, rund 60 % gar keine Arbeitspausen, mit Ausnahme der Mahlzeiten.[41] Mit dem Hausgehilfengesetz des Jahres 1920 wurde die alle zwei Wochen zu gewährende sonntägliche Freizeit auf acht Stunden erweitert, dazu kamen wöchentlich vier freie Stunden „an einem zu vereinbarenden Nachmittag“.[42]
Dass sich all diese Bestimmungen in der Praxis häufig anders darstellten, zeigen die Schilderungen eines früheren Dienstmädchens aus der Zwischenkriegszeit: „[…] bin i‘ wo in an‘ Zimmer heraußen g’legen und do hot s’ma‘, sie hot mi‘ aufweck’n woll’n in der Nacht, wann mit’n Kind wos wor. Aber jung wor i‘, g’sund‘, hob‘ i‘ holt g’schlof’n wie ein Bär in der Nocht, net, wann s‘ mi‘ hot g’rufen. Ja, i‘ hob‘ des net g’hert, die hot miaß’n brüll’n; jetzt hot sie mir am Fuaß a‘ Band’l an’bund’n zum Schlof’ngeh’n und hot des Band’l, die Schnur, zu sich ins Bett g’numman, und wann s‘ in da Nocht wos ‘braucht hot, hot s‘ an der Schnur ‘zog’n, natürlich bin i‘ dann woch’wur’n.“[43]
Urlaub
Erst mit Inkrafttreten des Hausgehilfengesetzes im Jahr 1920 bestand Anspruch auf bezahlten Urlaub:
„Dem Hausgehilfen ist in jedem Jahr ein ununterbrochener Urlaub von einer Woche zu gewähren, wenn das Dienstverhältnis ohne Unterbrechung ein Jahr gedauert hat, von zwei Wochen, wenn es zwei Jahre und von drei Wochen, wenn es fünf Jahre gedauert hat.“[44]
Wie in vielen anderen Bereichen waren Dienstmädchen auch bezüglich des Urlaubs stark von der Willkür der Dienstgeberinnen abhängig. Häufig wurden sie vor die Wahl gestellt, ihren rechtmäßigen Urlaubsanspruch geltend zu machen und dafür gekündigt zu werden oder darauf zu verzichten. In anderen Fällen wurde der Urlaub zwar genehmigt, allerdings nicht wie gesetzlich vorgeschrieben auch bezahlt.[45]
Krankheit
Wurde ein Dienstmädchen vor 1920 krank, so war die Dienstgeberin berechtigt, das Dienstverhältnis aufzulösen. Erst das Hausgehilfengesetz des Jahres 1920 bot Schutz vor Entlassung im Krankheitsfall, allerdings sah es keine zwingende Lohnfortzahlung vor. Die Dienstgeberseite war jedoch verpflichtet, allfällige medizinische Kosten inklusive einer Spitalsbehandlung zu tragen. Im Jahr 1921 erfolgte die Einführung der Krankenversicherungspflicht, die zuvor freiwillig gewesen war.[46]
Beendigung des Dienstverhältnisses
Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Dauer der Dienstverhältnisse stark. Während eine Anstellung zu Beginn des 19. Jahrhunderts häufig ein ganzes Arbeits-leben anhielt, entwickelten sich die Verhältnisse immer mehr zu einer befristeten Lohnarbeit, bei der Dienstmädchen häufiger die Stelle wechselten.[47] Im Jahr 1892[48] war dies durchschnittlich zwei Mal im Jahr der Fall.[49] Für die Beendigung des Dienstverhältnisses sahen die Gesindeordnung (1810), die Dienstbotenordnung (1911) und das Hausgehilfengesetz (1920) drei Möglichkeiten vor: Beendigung durch Ablauf der zeitlichen Befristung, Kündigung und Entlassung. Beide Parteien waren berechtigt, das Dienstverhältnis zu kündigen. In der Dienstbotenordnung (1911) waren zahlreiche Gründe für eine Entlassung durch die Dienstgeber und Dienstgeberinnen angeführt, wie beispielsweise Unbrauchbarkeit, Ungehorsam, Trunkenheit oder Krankheit. Umgekehrt gab es für Dienstmädchen nur wenige Gründe, die laut Gesetz ein frühzeitiges Ausscheiden rechtfertigten, zum Beispiel Gefahr für Leib und Leben, nicht ausbezahlter Lohn oder Erkrankung der Eltern.[50] Um ihre Chancen auf eine zukünftige Vermittlung hochzuhalten, wurde den Dienstmädchen häufig geraten, eine Stelle mindestens ein Jahr lang zu behalten. Nur in diesem Fall erhielten sie ein Jahreszeugnis. Die gelebte Praxis machte es den Dienstmädchen jedoch häufig schwer, ein Jahr lang durchzuhalten. „Man hat überall Jahreszeugnisse verlangt, überall hab’n sie Jahreszeugnisse ’braucht, aber, daß man sie entlassen hat, immer, wenn sie auf Urlaub gefahren sind und wenn man des Mädel net ’braucht hat, hot ma’s ganz a’foch entlassen, und dann hab’n s’woin immer Johreszeugnisse hob’n, des hot ma‘ net ollaweil g’hobt.“, schildert ein früheres Dienstmädchen der Zwischenkriegszeit.[51]
Dienstbotenbuch und Dienstkarte
Im Jahr 1851 wurden in Wien die Dienstbotenbücher eingeführt. Sie enthielten neben den persönlichen Daten auch aktuelle und frühere Anstellungen mitsamt deren Dauer sowie alle Dienstzeugnisse.[52] Bei jeder Bewerbung um eine Stelle musste dieses Dienstbotenbuch der potenziellen Dienstgeberin vorgelegt werden. Dadurch wurde die Abhängigkeit des Dienstpersonals noch weiter erhöht, da kurze Dienstzeiten oder schlechte Zeugnisse durchaus existenzgefährdend sein konnten.[53]
Die Dienstbotenordnung des Jahres 1911 legte fest, dass Dienstbücher öffentliche Urkunden waren, die von der Polizei ausgestellt wurden. Bei der Beantragung musste ein Ausweis vorgelegt werden (Pass, Heimatschein, Legitimationskarte, Dienst- oder Arbeitsbuch, etc.). Die Kosten für die Ausstellung trug das Dienstmädchen.[54] Bei Dienstantritt trug die Polizei die entsprechenden Daten in das Dienstbuch ein, bei Dienstaustritt erneut. Zusätzlich wurden dabei die wesentlichen Inhalte des Dienstzeugnisses eingetragen.[55]
Abbildung 1: Formular des Dienstbotenbuchs im Anhang der Dienstbotenordnung des Jahres 1911[56]
Mit dem Hausgehilfengesetz des Jahres 1920 wurde das Dienstbotenbuch durch eine Dienstkarte abgelöst. Dieser neue Identifikationsnachweis wies neben den persönlichen Daten auch ein Foto auf und wurde von der Gemeindebehörde des Aufenthaltsortes ausgestellt. Die Gemeindebehörden wurden angewiesen, Listen über die ausgestellten Dienstkarten zu führen. Im Gegensatz zum Dienstbotenbuch enthielt die Dienstkarte keine Angaben über frühere Dienstverhältnisse, was von den Dienstgeberinnen als Nachteil gesehen wurde.[57]
Soziale Aspekte
In der vorindustriellen Zeit bildeten Wohnen und Wirtschaften eine Einheit, in der nicht zwischen häuslichem und gewerblichem Personal unterschieden wurde. Diese auch „ganzes Haus“ genannte Wirtschaftsform führte häufig zu Protesten der Zünfte, da Dienstboten neben ihrer Tätigkeit als Diener auch als Schuhmacher, Schneider oder anderweitig eingesetzt wurden. Erst die Wiener Gesindeordnung von 1810 beschränkte die Tätigkeiten wirklich auf das Hauswirtschaftliche.[58]
In bürgerlichen Quellen ist über den gesamten Zeitraum hinweg, den dieser Beitrag behandelt, ein starkes Misstrauen gegenüber dem Dienstpersonal zu erkennen. Im Jahr 1808 führten die „Vaterländischen Blätter“ beispielsweise folgenden „Grundsatz“ an:
„Der Dienstbothe ist gewöhnlich ein roher, ungebildeter, in der Erziehung äußerst vernachläßigter Mensch, auf welchen, so bald er einmahl das Alter der Selbstständigkeit erreicht hat, durch Lehre und Gründe schwer zu wirken ist.“[59]
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich an den diesbezüglichen Konflikten wenig geändert:
„Die Regelung des Dienstbotenverhältnisses in moderner Weise mit Anerkennung, dass die Dienstboten gleichwerthige Menschen sind, die nur durch die Ungunst der Verhältnisse zu dienen gezwungen und häufig auch in Unterricht und Erziehung vernachlässigt sind – diese Regelung ist auch im Interesse der Frauen. Denn der Mensch ist kein physikalischer, sondern ein psychologischer Mechanismus.“[60]
Geografische Herkunft der Dienstmädchen
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stammten die Wiener Dienstmädchen aus dem Wiener Umland, aus zahlreichen Kronländern, aber auch aus Bayern, Franken, Schwaben und Sachsen.[61] Um 1857 kamen rund 41 % aus Wien, Ober- und Niederösterreich, rund 36 % aus Böhmen und Mähren sowie jeweils rund 6 % aus Ungarn und Bayern.[62] Im Jahr 1890 waren nur 12,86 % der Dienstmädchen gebürtige Wienerinnen. 19,49 % kamen aus Niederösterreich, 54,12 % aus einem anderen Kronland und 14,21 % aus dem damaligen Ausland.[63] Nach dem Zerfall der Monarchie kamen die meisten Dienstmädchen aus der ländlichen Umgebung von Wien. Die Steiermark und das Burgenland hatten Böhmen, Mähren und Ungarn als weitere wichtigste Herkunftsregionen abgelöst.[64]
Soziale Herkunft der Dienstmädchen
Publikationen vom Beginn des 20. Jahrhunderts geben an, dass Dienstmädchen vorwiegend aus den ärmeren Bevölkerungsschichten bzw. aus dem ländlichen Tagelöhner- und Bauernstand stammten. Dies bestätigen auch die bereits erwähnten Interviews mit ehemaligen Dienstmädchen aus der Zwischenkriegszeit. Aus diesen geht weiters hervor, dass auch innerfamiliäre Konflikte und sozial schwierige Verhältnisse Gründe waren, warum ein Mädchen nach Wien in den Dienst ging: [65] „Die unnetige Fresserin muß aus’n Haus!“[66], sagte der Stiefvater von Frau B. B., als er nach dem Ersten Weltkrieg nach Hause kam. Frau A. erzählte: „Für dich gibt’s nix anderes, als du gehst irgendwo in‘ Dienst“[67]. Mädchen wurden häufiger als Buben unmittelbar nach dem Ende der Schulpflicht aus der Schule genommen und in den Dienst geschickt, während die Brüder die letzte Klasse bis zum Ende des Schuljahres besuchen durften.[68] „Und des war ma‘ so unendlich leid. Ich hab‘ gewußt, jetzt hab‘ ich keine Zugehörigkeit mehr, friher bin i‘ doch in d’ Schul mit die verschiedenen Schulfreundinnen und so und jetzt bin i‘ dortn sozusog’n wia a Magd.“[69]
Anteil des Dienstpersonals an der gesamten Wiener Bevölkerung
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts trugen mehrere Faktoren dazu bei, dass viele Frauen den Beruf des Dienstmädchens aufgaben, um Arbeit in einer Fabrik anzunehmen. Die Vorteile der Fabrikarbeit lagen vor allem in der besseren Arbeitszeitregelung, der vergleichsweise höheren Bezahlung, der größeren persönlichen Freiheit sowie der besseren sozialen Absicherung.[70]
Tabelle 3: Dienstpersonal in Wien zum Ende des 19. Jahrhunderts[71]
Altersverteilung
Auf Basis der Volkszählung des Jahres 1890 ergibt sich für Wien, dass die Altersgruppe der 21- bis 30-Jährigen bei weiblichen Dienstboten mit 44,10 % den größten Anteil einnahm, gefolgt von 28,29 % der bis 20-Jährigen. Während 31- bis 40-Jährige noch mit einem Anteil von 15,19 % aufscheinen, ergeben alle höheren Altersgruppen zusammen nur noch einen Anteil von 11,82 %.[72]
Im Jahr 1926 gaben bei einer von der Wiener Arbeiterkammer durchgeführten Befragung 12,68 % an, unter 20 Jahre alt zu sein. Der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen gehörten rund 20 % an, in jener der 25- bis 30-Jährigen nahm der Anteil etwas ab. In der Altersgruppe der 30- bis 40-Jährigen stieg der Anteil wieder auf 21 % an, fiel dann aber rapide ab. An der Befragung nahmen auch eine 77-Jährige und eine 81-Jährige teil, die noch im Dienst waren.[73]
Arbeitsplatzsuche
Da die meisten Dienstmädchen aus Gebieten außerhalb von Wien kamen, gestaltete sich die Ankunft und Arbeitsplatzsuche häufig als schwierig. Etwas Unterstützung hatten die oft erst 14 oder 15 Jahre alten Mädchen, wenn sie eine Landsfrau kannten, die bereits im Dienst war. Andernfalls kamen die Mädchen zunächst bei einer „Bettfrau“ unter, die von der Vermietung von Schlafplätzen lebte. Ihre Wohnungen waren meist ärmlich, sowohl in der Küche als auch im Zimmer schliefen mehrere Mädchen. Die Kosten betrugen einen Gulden[74] pro Mädchen und Woche. Da die Arbeitsplatzsuche oft lange dauerte, waren die Mädchen beim Antritt ihrer ersten Stelle häufig verschuldet.[75] Potenziellen Dienstmädchen standen drei Wege zur Verfügung, um an eine Stelle zu kommen: Vermittlungsbüros, persönliche Empfehlungen sowie Zeitungsannoncen.
Vermittlungsbüros
Sowohl privat geführte („Dienstbothen-Comptoirs“) als auch öffentlich betriebene Vermittlungsbüros gab es bereits um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, allerdings war diese Form der Vermittlung um 1803 kaum mehr gebräuchlich.[76] Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden wieder vermehrt Vermittlungsbüros gegründet, sowohl private als auch staatliche. Für das Jahr 1892 sind für Wien 277 Vermittlungsbüros vermerkt.[77] Ab 1913 gab es in jedem Wiener Gemeindebezirk ein städtisches Arbeitsvermittlungsamt für Hauspersonal, im 1. Bezirk zwei – eines für „gewöhnliches“ Hauspersonal, das zweite für „höheres“ Personal. Laut Dienstvorschrift für die Dienstvermittlungsstellen Wien vom April 1917 umfasste das „höhere“ Personal die folgenden Berufe: Gesellschafterin, Vorleserin, Reisebegleiterin, Stütze der Hausfrau, Hausrepräsentantin, Empfangsdame, Haushälterin, Wirtschafterin, Hausfräulein, Wäschebewahrerin, Beschließerin.[78]
Um 1894 stellte sich der Ablauf einer Arbeitsvermittlung in der Praxis wie folgt dar: Die Arbeitssuchende legte im Vermittlungsbüro ihre Dokumente vor, gab an, in welche Art von Dienst sie eintreten wollte und bezahlte die Einschreibgebühr, die in der Regel 50 Kreuzer betrug. Stellensuchende mussten sich täglich im Büro melden. Falls eine Adresse verfügbar war, musste erneut gezahlt werden, mindestens ein Gulden. Die angegebene Adresse ausfindig zu machen erwies sich häufig als schwierig, da viele neu Angekommene nur geringe Ortskenntnisse hatten und teilweise nicht Deutsch sprachen. Bei der Ankunft am potenziellen Arbeitsort traf das angehende Dienstmädchen auf zahlreiche andere Bewerberinnen. Nach oft stundenlangem Warten und der Befragung durch die „Gnädige Frau“ erhielt die Bewerberin mit viel Glück die Stelle.[79]
Im Jahr 1917 bezahlten die Dienstgeberinnen rund 50 Heller[80] für die Vermittlung. Beide Parteien füllten eine Anmeldekarte aus, die allerdings von den Dienstmädchen wesentlich mehr persönliche Angaben verlangte. Manche Stellen blieben längere Zeit unbesetzt, was einerseits an den Vorstellungen der Dienstgeberinnen lag, andererseits auch an den Zuständen im Haushalt, die die Dienstmädchen abschreckten: „Amoi wor i‘ zu jung und amoi wor i‘ zu sauber, weil der Herr so… da hat die Hausfrau an Angst g’habt, daß der Herr mit’n Mäd’l wos anfangt, wahrscheinlich.“[81]
Den Ablauf in den Vermittlungsbüros der Zwischenkriegszeit beschreibt Frau Ko. wie folgt: „Da war der Saal, der war ganz voll vor lauter Dienstmädchen, junge, alte und ja, ja und da war halt so a … ein Raum, wo dann ausgerufen, dort sind die Damen hingekommen, oder hab’n sie dort hingeschrieben, wir wollen so ein Mädchen, so und so, no und dann ist der Schalter aufg’macht worden: „Ja, ein Mädchen wird gesucht, 10. Bezirk.“, und so ist ausg’rufen worden, net, no und da hab‘ ich mich g’meld’t, die Frau war nicht in dem Vermittlungsraum, ich bin dorthin ‚gangen mit dem Zettel, no und die hat ohneweiteres…“[82]
Persönliche Empfehlungen
Persönliche Empfehlungen führten weitaus häufiger zu einer erfolgreichen Stellenvermittlung als dies bei Vermittlungsbüros der Fall war. In vielen Fällen kamen Dienstmädchen über Vermittlung von Verwandten, Bekannten oder Arbeitskolleginnen oder andere berufliche Kontakte an eine neue Stelle.[83]
Annoncen
Bei Annoncen bestand ein enger Zusammenhang zwischen der Zielgruppe der Tageszeitung, in der sie geschaltet wurden, und der Art der auszuführenden Tätigkeit. Generell überwogen die Stellenangebote gegenüber den Stellengesuchen. Die in den Annoncen verwendeten Adjektive geben einen guten Einblick in die Eigenschaften, die ein Dienstmädchen aufweisen sollte: „sehr rein und nett“, „flink“, „perfekt“, „brav“, „sehr einfach, bescheiden, gesetzt, ruhiger Charakter“ sind nur einige Beispiele. Die Arbeitsstelle wurde so gut wie nie näher beschrieben, gelegentlich wurde die Anzahl der Personen bzw. Kinder erwähnt.[84] Um die Jahrhundertwende kamen an jedem Tag, an dem die Zeitungen erschienen, zahlreiche Dienstmädchen gegen 8 oder 9 Uhr vormittags in die Wiener Schulerstraße. Dort befanden sich zur damaligen Zeit mehrere Zeitungsredaktionen, die die aktuellen Ausgaben zum öffentlichen Lesen aufhängten. Auf diese Weise konnten sich die Dienstmädchen die Kosten für den Kauf der Zeitungen sparen.[85]
Tätigkeiten eines Dienstmädchens
Die Art der Tätigkeiten, die das Dienstpersonal verrichtete, hing stark von der Anzahl der Angestellten in einem Haushalt ab. In adeligen und großbürgerlichen Haushalten war häufig ein ganzes Heer an Personal beschäftigt, dementsprechend waren auch die einzelnen Tätigkeiten spezialisiert und eingegrenzt. Große Haushalte beschäftigten auch zahlreiche Männer, sei es als persönliche Diener des Hausherrn, Kutscher oder Pferdeknechte. Zusätzlich zum fest angestellten Personal wurde für schwere Arbeiten wie Waschen oder Bügeln zusätzliches Personal herangezogen.[86]
Anders stellte sich die Lage in Haushalten des Bürgertums dar, das zwar den Anschein eines großbürgerlichen Lebensstils vermitteln wollte, diesen aber häufig nicht finanzieren konnte. Meistens erlaubte die finanzielle Lage nur die Beschäftigung einer Person – des sogenannten „Mädchen für Alles“.[87] Die Arbeitsbelastung war hier besonders hoch und umfasste so gut wie alle Tätigkeiten, die in einem gewöhnlichen Haushalt anfielen. Dazu zählten kochen, servieren, waschen, bügeln, das Reinigen von Schuhen, Kleidung, Fenstern und Möbeln, Teppiche ausklopfen, Staub wischen, Fußböden bürsten, Kohlen, Holz und Wasser tragen, einheizen, Lebensmittel einkaufen, Kinder betreuen, nähen, die „Gnädige Frau“ frisieren und ankleiden, und vieles mehr. Neben der eigentlichen Familie lebten häufig auch sogenannte „Zimmerherren“ bzw. „Zimmer-Fräulein“ im Haushalt, die ebenfalls die Dienste des „Mädchen für Alles“ in Anspruch nahmen.[88] Für die „Große Wäsche“ (einweichen, kochen, bürsten, rumpeln, schwemmen) wurde in manchen Häusern zwar eine eigene Wäscherin ins Haus geholt, doch gerade in kleineren Haushalten musste auch diese Arbeit vom „Mädchen für Alles“ erledigt werden. Die Waschküche befand sich meistens im Keller, zum Trocknen aufgehängt wurde die Wäsche jedoch häufig am Dachboden.[89] Ausgang hatten Dienstmädchen um 1890 nur jeden zweiten Sonntag nach Beendigung ihrer Pflichten nach dem Mittagessen, zwischen 8 Uhr und 10 Uhr abends mussten sie jedoch wieder im Haus sein. Aus dieser konstanten Überbeanspruchung entstand laut einer Publikation des Jahres 1894 eine „Schleuderhaftigkeit“, und das Dienstmädchen „wird gleichgiltig gegen Ausstellungen und Rügen“.[90] Zur Überbeanspruchung der Dienstmädchen trug auch bei, dass viele bürgerliche Haushalte auf Repräsentation setzten, mit Dekorationsartikeln überladene Wohnungen mit sechs bis acht Zimmern hatten, sich jedoch nur ein „Mädchen für Alles“ leisten konnten.[91]
Weder in der Dienstbotenordnung von 1911 noch im Hausgehilfengesetz von 1920 sind die einzelnen Tätigkeitsbereiche der Dienstmädchen detailliert angeführt. Es ist daher schwierig, einen zahlenmäßigen Einblick in die Tätigkeitsbereiche zu gewinnen. Eine von der Wiener Arbeiterkammer im Jahr 1926 durchgeführte Befragung von Hausgehilfinnen erlaubt einen zumindest näherungsweisen Einblick:
Tabelle 4: Angaben zur Tätigkeit basierend auf einer Umfrage der Wiener Arbeiterkammer im Jahr 1926[92]
Wie die Tabelle zeigt, waren Spezialisierungen kaum möglich, da die meisten Haushalte nur eine Hausgehilfin hatten.
„Hierarchie“ innerhalb der häuslichen Berufe
Ein in den „Vaterländischen Blättern“ im Jahr 1808 erschienener Beitrag mit dem Titel „Ueber den gegenwärtigen Zustand des Dienstbothenwesens in Wien und die Mittel zur Verbesserung desselben“ enthält unter anderem einen Vorschlag zur staatlichen Organisation der Vermittlung von Dienstboten. Dieser führt eine Auflistung der Vermittlungskosten an, die von den Dienstgeberinnen bzw. Dienstnehmerinnen je nach Tätigkeitsbereich zu zahlen sein sollten. Aus dieser Auflistung lassen sich Einblicke in die „Hierarchie“ der häuslichen Berufe zu Beginn des 19. Jahrhunderts ableiten, wie die folgende Tabelle zeigt:
Tabelle 5: Vorschläge für Vermittlungsgebühren für Dienstpersonal im Jahr 1803[93]
Um 1894 waren die meisten Dienstmädchen als „Mädchen für Alles“ oder Stubenmädchen beschäftigt. Köchinnen hatten zu dieser Zeit eine besondere Stellung unter den weiblichen Bediensteten. Sie wurden besser bezahlt, genossen eine bessere Behandlung, hatten mehr Freizeit und Selbstständigkeit. Der Grund für diese Bevorzugung lag darin, dass es äußerst schwierig war, eine gute Köchin zu finden. Gelernte Köchinnen wurden nur in wohlhabenden Haushalten beschäftigt. Kindermädchen waren ebenfalls bessergestellt als „Mädchen für Alles“ und Stubenmädchen, doch auch sie wurden meistens zu schweren Haushaltsarbeiten herangezogen. Am untersten Ende der „Hierarchie“ der häuslichen Berufe standen die „Extramädchen“, die für die gröbsten Tätigkeiten herangezogen wurden.[94]
Auch in der im Abschnitt 3.2.1 – Geldlohn dargestellten Tabelle zum monatlichen Mindestlohn des Jahres 1925 zeigt sich, dass der Lohn weniger dem Arbeitsaufwand als mehr dem sozialen Prestige entsprach. Eine „Köchin für Alles“ verdiente weniger als eine „Köchin neben Stubenmädchen“.[95] Das höchste soziale Prestige hatte die „selbstständige Köchin“, auf der untersten Stufe stand das Kindermädchen.[96]
Eheschließungen und Geburten
Dienstmädchen waren in Wien überdurchschnittlich häufig Mütter unehelicher Kinder. Bei 21,97 % unehelichen Geburten aller 37.907 Geburten des Jahres 1912 waren 95,16 % aller 3.635 Geburten von Dienstmädchen unehelich.[97] In den allermeisten Fällen wurde das Arbeitsverhältnis von der Dienstgeberin aufgelöst, wenn eine Hausangestellte schwanger war.[98] Die hohe Zahl an unehelichen Geburten von Dienstmädchen ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Dienstmädchen beinahe immer ledig waren, wie die folgende Tabelle über den Stand der Dienstboten in Wien auf Basis der Volkszählung von 1890 zeigt.
Tabelle 6: Stand der Wiener Dienstboten im Jahr 1890[99]
Für Dienstmädchen war es aufgrund ihrer Arbeitszeiten auch schwieriger als für andere Berufsgruppen, jemanden kennenzulernen und in der Folge eine Ehe einzugehen. Im Statistischen Jahrbuch der Stadt Wien werden für das Jahr 1912 insgesamt 20.127 Eheschließungen ausgewiesen. Nur 19,55 % der Bräute waren Dienstmädchen, während Fabriksarbeiterinnen auf einen Anteil von 39,47 % kamen.[100] „Es war ja schwer, an‘ Mensch’n kennanzulernan, weil es hat sich ja keiner ang’schlossen, wann ma‘ Nachmittag amol um drei aus’n Haus kommt am Sonntag“.[101]
Das Statistische Jahrbuch 1912 weist auch die Berufe der Ehemänner von Dienstmädchen aus: 78,46 % waren Arbeiter bzw. Hilfsarbeiter, gefolgt von 3,84 % Selbstständigen der Bekleidungsindustrie, 3,25 % aus dem Bereich Geistliche, öffentliche Beamte, Lehrer und sonstige freie Berufe. Dem folgten 2,26 % Aktives Militär und Gendarmerie, 1,77 % Landwirtschaftliches Gesinde und 1,54 % Dienstboten.[102]
Politische Aspekte
Die Diskussionen über die Situation der Dienstmädchen waren von starken Gegensätzen geprägt: Auf der einen Seite standen die Dienstgeber und Dienstgeberinnen, die von „überhandnehmender Corruption unter der weiblichen Dienerschaft“[103] sprachen, auf der anderen Seite die Frauenbewegung, die für die Rechte der Dienstmädchen eintrat.
Die bürgerliche Seite argumentierte unter anderem damit, dass es nicht die Aufgabe von Behörden sei, für das Gelingen des in einer „Vertrauensstelle“ tätigen Personals zu sorgen, sondern vor allem die Aufgabe der Hausfrau.[104]
Während in Industrie und Gewerbe im Laufe des 19. Jahrhunderts neu eingeführte Sozialgesetze die Lage der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen etwas verbesserten, blieb das Dienstpersonal davon ausgeschlossen. Die Sozialdemokratie forderte zwar auch für diese Berufsgruppe Verbesserungen, die Dienstgeber und Dienstgeberinnen lehnten dies jedoch als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Privathaushaltes“ ab.[105] Erst im Jahr 1920 kam es mit dem Hausgehilfengesetz zu deutlichen Verbesserungen.
Resümee
Veränderte Ansprüche des Bürgertums hinsichtlich des Wunschs nach Repräsentation führten im Laufe des 19. Jahrhunderts zu schwierigen Arbeitsbedingungen für Dienstmädchen. Soziale Errungenschaften der Arbeiterschaft blieben ihnen verwehrt. Die in zeitgenössischen Texten als „Dienstbotenfrage“ bezeichnete Auseinandersetzung war ein Konflikt zwischen den bürgerlichen Dienstgebern und Dienstgeberinnen, die die Dienstmädchen mehr und mehr als luxusverliebt, faul und frech ansahen, und den Anliegen der Frauenbewegung, die für geregelte Arbeitszeiten, gerechten Lohn und eine angemessene Behandlung eintrat. Mit dem Ende der Monarchie im Jahr 1918 änderte sich die wirtschaftliche Lage der Dienstgeber und Dienstgeberinnen drastisch. Viele der früheren „Herrschaften“ konnten sich nun keine oder deutlich weniger Dienstmädchen leisten.
Quellenverzeichnis
Gesetze
Gesindeordnung für die Stadt Wien, und den Umkreis innerhalb der Linien vom 1. Mai 1810. In: Sr. k. k. Majestät Franz des Ersten politische Gesetze und Verordnungen für die Oesterreichischen, Boehmischen und Galizischen Erbländer, Bd. 34 (Wien 1811) Nr. I, § 4. ALEX/Österreichische Nationalbibliothek, https://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=pgs&datum=1810&page=269, zuletzt geprüft am 20.05.2026
LGBl. NÖ 125/1911, Gesetz vom 28. Oktober 1911, womit für die k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien eine Dienstordnung für das Hauspersonal (Gesindeordnung) erlassen wird. ALEX/Österreichische Nationalbibliothek, https://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=lgn&datum=1911&page=221, zuletzt geprüft am 20.05.2026
Althaus, Andrea. Lebensverhältnisse von Dienstmädchen und Hausgehilfinnen im 19. und 20. Jahrhundert. In: Althaus, Andrea (Hg.). Mit Kochlöffel und Staubwedel. Erzählungen aus dem Dienstmädchenalltag. Seite 275-292. Wien, 2010, Böhlau Verlag Ges.m.b.H und Co.KG.
Buchmann, Bertrand Michael. Demographie und Gesellschaft. In: Csendes, Peter, Oppl, Ferdinand (Hg.). Geschichte einer Stadt. Band 3: Von 1790 bis zur Gegenwart. Seite 15-46. Wien, 2006. Böhlau Verlag Ges.m.b.H und Co.KG.
Kobau, Luise. „Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914 – 1938,” Dissertation. Wien, 1985.
Richter, Jessica, Rütten, Tim. „[S]ie war männersüchtig, vergnügungssüchtig, unrein, faul, ,Bis zum Exceß´ […].“ Wandel und Kontinuität im häuslichen Dienst. In: Oliver Kühschelm, Elisabeth Loinig, Stefan Eminger, Willibald Rosner (hrsg.): Niederösterreich im 19. Jahrhundert. Band 2, Gesellschaft und Gemeinschaft, Seite 283-316. St. Pölten, 2021. https://www.land-noe.at/noe/19jh0211.pdf, zuletzt geprüft am 20.05.2026
Sander, Ursula Maria. Häusliches Dienstpersonal im späten 19. Jahrhundert. Dienstmädchen aus der Sicht einer bürgerlichen Zeitung (1874 – 1899). Diplomarbeit. Wien, 2008
Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat, Nr. 15, 28. Juni 1808: Über den gegenwärtigen Zustand des Dienstbotenwesens in Wien und die Mittel zur Verbesserung desselben. Wien, 1808. Seite 119-124. ANNO/Österreichische Nationalbibliothek. https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=vlb&datum=18080628&seite=1, zuletzt geprüft am 20.05.2026
Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat, Nr. 17, 5. Juli 1808: Über den gegenwärtigen Zustand des Dienstbotenwesens in Wien und die Mittel zur Verbesserung desselben. Wien, 1808. Seite 139-124. ANNO/Österreichische Nationalbibliothek. https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=vlb&datum=18080705&seite=5, zuletzt geprüft am 20.05.2026
Wirthensohn, Beate. Hausgehilfinnen und Hausfrauen – Aspekte einer konfliktreichen Beziehung – Wien 1893-1934 – Im Spiegel bürgerlicher und sozialdemokratischer Frauenpresse. Diplomarbeit. Wien, 1987
Beitragsbild
Van Ham Kunstauktionen, Public domain, via Wikimedia Commons
[13] Wirthensohn, Hausgehilfinnen und Hausfrauen, 81
[14] Althaus, Lebensverhältnisse von Dienstmädchen und Hausgehilfinnen im 19. und 20. Jahrhundert, 282-283
[15] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 7
[16] Wirthensohn, Hausgehilfinnen und Hausfrauen, 92
[17] Da die überwiegende Mehrheit der Dienstboten Frauen und insbesondere Dienstmädchen waren, werden bei Personenbezeichnungen ab hier zum Großteil die Bezeichnungen „Dienstmädchen“ und „Dienstnehmerin“ verwendet. Diese Form der Bezeichnung bezieht sich immer zugleich auf alle Dienstboten, unabhängig von Geschlecht und Tätigkeit.
[18] Da sich in erster Linie die Frauen eines dienstgebenden Haushalts um die täglichen Belange bezüglich des Personals kümmerten, wird bei Personenbezeichnungen ab hier zum Großteil das generische Femininum verwendet. Diese Form der Bezeichnung bezieht sich immer zugleich auch auf die männlichen Dienstgeber.
[19] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 92-93
[20] Althaus, Lebensverhältnisse von Dienstmädchen und Hausgehilfinnen im 19. und 20. Jahrhundert, 281
[21] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 92-93
[25] Althaus, Lebensverhältnisse von Dienstmädchen und Hausgehilfinnen im 19. und 20. Jahrhundert, 285
[26] Als Vergleich für die Kaufkraft: Am 1. Jänner 1879 kostete die Wiener Zeitung ganzjährig 16 Gulden, halbjährig 8 Gulden und vierteljährig 4 Gulden.
[28] Leichter, Eine Erhebung über die Lebensverhältnisse der Hausgehilfinnen, 738. Käthe Leichters Beitrag basiert auf 2.831 beantworteten Fragebögen von Hausangestellten, die das Referat für Frauenarbeit der Wiener Arbeiterkammer zur Klärung der Arbeitsverhältnisse ausgeschickt hatte.
[29] Leichter, Eine Erhebung über die Lebensverhältnisse der Hausgehilfinnen, 738
[31] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 74-75
[32] Schmitz, Zur Lösung der Dienstboten-Frage, 12
[33] Oral History-Interview mit Frau B. B. (*1902 in Bruckneudorf); In: Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 81
[34] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 80-81
[42] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 121
[43] Oral History-Interview mit Frau Zo. (*1910 in Wiener Neustadt); In: Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 70
[48] Bei allen in weiterer Folge erwähnten Angaben für das Jahr 1892 und danach muss im Vergleich zu vorangehenden Jahren beachtet werden, dass es durch die Eingemeindung der Vororte (1890/1892) zu einer Zunahme der Gesamtzahlen und Verschiebungen der entsprechenden Anteile kommt.
[50] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 146-147
[51] Oral History-Interview mit Frau L. (*1910 in Wien); In: Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 53
[52] Richter, Wandel und Kontinuität im häuslichen Dienst, 305
[53] Althaus, Lebensverhältnisse von Dienstmädchen und Hausgehilfinnen im 19. und 20. Jahrhundert, 283
[64] Althaus, Lebensverhältnisse von Dienstmädchen und Hausgehilfinnen im 19. und 20. Jahrhundert, 291
[65] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 16-20
[66] Oral History-Interview mit Frau B. B. (*1902 in Bruckneudorf); In: Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 16
[67] Oral History-Interview mit Frau A. (*1901 in Wien); In: Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 17
[68] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 25
[69] Oral History-Interview mit Frau Fr. (*1900 in Kärnten); In: Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 26
[70] Althaus, Lebensverhältnisse von Dienstmädchen und Hausgehilfinnen im 19. und 20. Jahrhundert, 286
[73] Leichter, Eine Erhebung über die Lebensverhältnisse der Hausgehilfinnen, 738
[74] Als Vergleich für die Kaufkraft: Am 3. Jänner 1894 kostete die Wiener Zeitung ohne Zustellung ganzjährig 16 Gulden, halbjährig 8 Gulden und vierteljährig 4 Gulden.
[75] Schmitz, Zur Lösung der Dienstboten-Frage, 18-19
[76] Vaterländische Blätter Nr. 15, 120. Der Beitrag wurde zwar im Jahr 1808 publiziert, die zugrunde liegenden Daten stammen jedoch aus dem Jahr 1803.
[78] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 49
[79] Schmitz, Zur Lösung der Dienstboten-Frage, 18, 19
[80] Als Vergleich für die Kaufkraft: Am 3. Jänner 1917 kostete die Wiener Zeitung (Hauptblatt ohne Amtsblatt, mit Abendpost) ohne Zustellung ganzjährig 24 Kronen, halbjährig 12 Kronen und vierteljährig 6 Kronen. 1 Krone = 50 Heller.
[81] Oral History-Interview mit Frau L. (*1910 in Wien); In: Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 42
[82] Oral History-Interview mit Frau Ko. (*1900 in Böhmen); In: Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 43
[83] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 48
[84] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 51-52
[100] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 22
[101] Oral History-Interview mit Frau Sch. (*1910 in Berndorf); In: Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 22
[102] Kobau, Zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der weiblichen Dienstboten in Wien, 1914-1938, 152
[103] Schmitz, Zur Lösung der Dienstboten-Frage, 3
Das ereignisreiche Leben und tragische Ende der Rosalia Pillinger. Eine Heimat- und Kriminalgeschichte aus dem Land ob der Enns des frühen 18. Jahrhunderts
Dieser Beitrag wurde im Jahrbuch 2025 der Österreichischen Gesellschaft für Familien- und regionalgeschichtliche Forschung (ÖFR) erstveröffentlicht.
Es ist sicher nicht alltäglich, dass man unter seinen direkten Vorfahren eine zum Tode verurteilte und hingerichtete Person findet, wie es mir passierte. Meiner 6-fachen Urgroßmutter Rosalia Pillinger war in Oberösterreich genau dieses Unheil widerfahren. Die genealogischen Nachforschungen zu meiner mütterlichen Linie gestalteten sich zurück bis zu meiner 5-fachen Urgroßmutter Viktoria Möslinger, geb. Eder sehr einfach, alle beteiligten Personen und Daten konnten in den röm.-kath. Kirchenmatriken komplikationslos nachvollzogen werden. In den beiden Matrikeneinträgen des Jahres 1776 der Pfarren Feldkirchen an der Donau und dem nahegelegenen St. Martin ist die Trauung von Viktoria Eder aus Feldkirchen mit Johann (Georg) Mösling(er) aus St. Martin festgehalten. Darin wird Viktoria als fil. leg. (eheliches Kind) von Franz Eder und Kath(arina), dessen Ehewirtin, beide seel. (verstorben), ausgewiesen.[1]
Die bis dahin ereignislose Forschung in Richtung Vergangenheit fand ein jähes Ende, als ich Viktorias Taufeintrag vom 29. September 1751 in der Pfarre Feldkirchen fand, mit doch sehr abweichenden Daten im Vergleich zu den beiden Trauungseinträgen. Der Taufeintrag, in einer Mischung aus Deutsch und Latein, lautete: „Victoria fil: illegitima Francisci Eder eines herumwagirenden Dieners, ex Matre Rosalia Pillingerin carnifiuch menu obtruncata mense Novembris Pat:Victoria des Gottlieb Mäyr Landgerichts Diener zu Oberwalsee“.[2] Erstens war meine 5-fache Urgroßmutter Viktoria also unehelich geboren, zweitens war ihre Mutter offenbar nicht die bei der Trauung angegebene Katharina, sondern vielmehr eine Rosalia Pillinger – die drei Monate nach Geburt ihrer Tochter im November hingerichtet werden sollte. Was für eine überraschende und bestürzende Entdeckung. Mangels weiterer Ausführungen in den Matriken konnte ich weder den Grund für die angeführte Hinrichtung nachvollziehen noch ob diese tatsächlich stattgefunden hatte. Bis hierher schaurig genug.
Das war auch gleich ein Grund für mich als Hobby-Genealogen und angehenden Historiker, dieses doch außergewöhnliche Thema im Detail aufzuarbeiten. Dazu sei festgehalten, dass dieser vorliegende Essay auf Basis der momentanen Auswertungssituation lediglich ein erster Abriss, ein Teaser sozusagen ist, die detaillierte Lebensgeschichte von Rosalia Pillinger mit besonderem Fokus auf ihre Festnahme, Haft, Verurteilung und Hinrichtung in der Herrschaft Oberwallsee erst später niedergeschrieben werden soll. Nach weiterer Detailbearbeitung und noch zu sichtender und beschaffender komplementärer Unterlagen möchte ich in der Zukunft ein präzises wissenschaftliches Werk und gegebenenfalls auch ein Buch zu diesem Thema anfertigen.
Die Basis
Die nun folgende Recherchegeschichte ist ein Beweis dafür, dass man über Personen, die in der Vergangenheit durch Gerichtsprozesse aktenkundig geworden sind, selbst nach mehr als 270 Jahren noch sehr viel erfahren kann. Allerdings erfordert das langes und umfangreiches Suchen nach Dokumenten weit über die Matriken hinaus, und natürlich immer vorausgesetzt, dass diese überhaupt noch erhalten sind.
In diese Lebensgeschichte von Rosalia brachte das noch erhaltene Landgerichtsprotokollbuch der Herrschaft Oberwallsee das erste Licht ins Dunkel, in welchem 1751 ein Todesurteil („Lebens Straff“) für Rosalia Pillinger, aus „Pichl unter Gschwendt“ gebürtig, eingetragen war, welches am 12. November 1751 durch eine Enthauptung „durch den Freymann vom Leben zum Todt“ vollsteckt wurde.
Jetzt kamen natürlich unzählige Fragen auf. Woher kam Rosalia, wo und unter welchen Umständen wuchs sie auf und warum wurde ihr der Prozess gemacht, der ihr letztlich das Leben kosten sollte. Eine weitere Reaktion von Kennern der oberösterreichischen Rechtsgeschichte war, dass es doch sehr ungewöhnlich sei, dass eine Frau wegen Diebstahls und Unzucht[3] gleich hingerichtet wurde, da Frauen bei Gnadengesuchen für solche Delikte eigentlich immer Erfolg hatten und sie dann verschont wurden. Warum nicht in diesem Fall? Fragen über Fragen, deren initiale Beantwortung noch eine ganze Weile dauern sollte.
Abbildung 1: Das Gerichtsprotokollbuch der Herrschaft Oberwallsee 1717-1768 (rechts, dunkelbraun) und der Gerichtsakt „Processus Criminalis“ der Rosalia Pillinger von 1751 (links, dunkelgelb), vom Autor am 30. 11. 2023 im OÖLA in Linz eingesehen.
Nach monatelanger vergeblicher Suche und Analyse hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben, weitere Daten über Rosalia zu finden. Dann erinnerte ich mich an die Erwähnung von zwei vormaligen Strafen im besagten Todesurteil und fragte im Oberösterreichischen Landesarchiv (OÖLA) nach, ob ich denn auch Scans dieser beiden Vorverurteilungen aus dem Oberwallseer Gerichtsprotokollbuch haben könne, da sie möglicherweise weiterführende Informationen enthalten. Die überraschende Antwort war, dass es darin keine solchen gäbe, dass aber ein separater Gerichtakt – „Processus Criminalis“ – der Herrschaft Oberwallsee über Rosalia Pillinger aus 1751 aufliegen würde, der etwa 200 Seiten umfasst.[4] Begeistert fuhr ich umgehend nach Linz und sichtete und kopierte den Akt. Damit war es mir möglich, das umtriebige und letztlich traurige Leben und insbesondere das Ende von Rosalia aus den vielzähligen Verhörprotokollen von 1751, einem 21-seitigen Rechtsgutachten aus Linz aus dem Jahr 1745,[5] sowie Korrespondenz zwischen dem Landgericht und den Rechtspflegern mehrerer Herrschaften und weiteren Akteuren nachvollziehen zu können.
Die ersten Lebensjahre der Rosalia
Das kleine Sallerl, Rosalia PILLINGER (vulgo „Khlain Hiesl Sallerl“), wurde als Rosalia PÖLLINGER am 25. September 1721 in der zum Stift Kremsmünster gehörigen Kirche des heiligen St. Martin in Kematen an der Krems getauft. Ihre Eltern waren Mathias (Hiesl) PÖLLINGER, ein „Abdekher“, und seine Ehefrau Maria, die Taufpatin war Salome Griegl,[6] allesamt als „vagirente Diener“ bezeichnet.[7] Mathias war ein „Dieners Sohn von Steyr“ und hatte sich zuvor in Pichl aufs „Abdekher-Haus“ verheiratet, das an der Pfarrgrenze zwischen Kematen und Kremsmünster abseits der dortigen Siedlungen an der Freyung am Pichl lag – und die Antwort zu ihrer im Todesurteil angegebenen Herkunftsangabe „Pichl unter Gschwendt“ war. Das Schloss Gschwendt, der Herrschaftssitz, war im nachbarlichen sehr nahen Neuhofen an der Krems gelegen, diese Grundherrschaft erstreckte sich auch auf Kematen.
Abbildung 2: Hinweise auf Rosalias Herkunft: […] Rosalia Pillingerin vulgo Khlain Hiesl Sallerl hayse, von vagierenten Dieners leuthen gebirtig, und nun mehro 20. Jahr alt. beÿm Crembser Kürchambt Steÿrerischen Unterthann in der Khemmter Pfarr gebirtig, Ihr Vatter welcher Hiesl (Anm.: Mathias) Pillinger gehaissen, seÿe ein Dieners Sohn von Steyr gewesen, und beim Herrschaft gschwendtnerischen Abdekher an der Freÿung dazumahlen gestorben, Als sÿe noch ganz klain warr, massen sÿe selbigen nit ainmahl, gedenkhe, und ihre Muetter Maria habe sÿe seith .4. Jahren, als Sÿe inquisitin in Unter österreich verraiset, nicht mehr gesehen […]. Quelle: Rechtliches Gutachten aus 1746, „Processus Criminalis“-Unterlagen Rosalia Pillinger der Herrschaft Oberwallsee, OÖLA.Foto: Günter Zwickl
Abdecker, Mathias Pillingers Beschäftigung, war ein sogenannter unehrlicher Beruf, ein Erbringer von „unreinen“ Dienstleistungen, die mit Schmutz, Strafe und Tod zu tun hatten.[8] Unehrliche Berufe trugen den Makel der gesellschaftlichen Verachtung mit sich, sie waren also „nicht ehrenwert“ und ohne – ein damals enorm wichtiges – Ansehen. So hatten die Abdecker einen separaten Tisch im Gasthaus, das gemeine Volk musste sich möglichst von ihnen fernhalten, durfte ihre Hand nicht schütteln und sie auch nicht berühren. Einmal in eine Familie mit unehrlichem Beruf hineingeboren, war man darin meist lebenslang festgehalten, der soziale Aufstieg gelang den Wenigsten.
Rosalia begann ihr Leben also auf dieser tiefsten sozialen Ebene und kam, wie wir im Weiteren sehen werden, zeitlebens nie darüber hinaus. Sie hatte noch dazu schon als Kind einen schweren Start ins Leben, in einem Schicksalsschlag sondergleichen verstarben ihre Eltern kurz nacheinander im Jahr 1729.[9] Sie stand also mit gerade einmal neun Jahren als Vollwaise da. In Folge kam sie mit ihren zwei leiblichen Geschwistern zu einer als „Stiefmutter“ bezeichneten Pflegemutter, beim Schloss Pernstein[10] lebend, in Pflege. Über ihre weiteren Familienverhältnisse in ihrer Jugend gibt es sehr spärliche und teilweise unterschiedliche Angaben. Bei der Stiefmutter wurden 13 „Geschwister“ erwähnt, wohl die Summe aller Kinder bei dieser Pflegemutter.
Die erste Verurteilung
Rosalias kriminelle Laufbahn begann bereits sehr früh, 1736, im Alter von 16 Jahren wurde sie im Zusammenhang mit Diebstählen amtskundig, als Mittäterin einer Bande mit wechselnder Besetzung, darunter ihre Stiefmutter, ihre Geschwister Paul, Kätherl, ihre Taufpatin – die „alte Salome“, und Weitere.[11] Drei ihrer „Gebrüder sind gerichtet“ worden – Leopold zu Puerkhausen, Hans Georg zu Gschwendt und Paul zu Hall. Kriminalität war also von Beginn an ein fixer „Erziehungsbestandteil“ in dieser Familie.
Bei kleineren Diebeszügen wurden die Opferstöcke einiger Kirchen mit Messern aufgebrochen und die Beute geteilt. Weiters war sie mit ihren Bandenkollegen daran beteiligt, in St. Georgen und Gallspach bei Grieskirchen und Umgebung Schafe, Schweine und Gänse gestohlen zu haben. Dem Schulmeister Polzinger wurden laut seiner Aussage so 14 Gänse entwendet. Mit der Zeit soll die Bande nach und nach etwa 50 Schafe, 100 Gänse und weiteres Geflügel entwendet haben, die Stiefmutter arrangierte dann mit dem Fleischhacker in Gallspach die „Verwertung“ der Tiere.[12]
Es wurde aber auch gewalttätiger. Demnach soll Rosalia einem „sehr übl qualificierten Raub beÿ gewohnet“ haben, in welchem ihre Bandengenossen drei Personen gefesselt und beraubt hatten. Die Beute dieses Raubes und anderer dieser Art betrug einmal 6 Gulden, einmal 7 ½ Gulden, ein anderes Mal gar 11 Gulden. Weiters war sie daran beteiligt, mit einer nun achtköpfigen Diebesbande abends in eine „beleuchtete Hausstube und Kammer“ eingedrungen zu sein und die Bewohner wegen anfänglichen Widerstands brutal zu misshandeln, zu fesseln, blau zu schlagen und zu würgen, sodass diese derart verletzt wurden, dass dabei Blut geflossen war. Schlösser wurden aufgebrochen, Truhen zerhackt und dabei allein bei diesem Raubzug eine Beute von 40 Gulden und 35 Kreuzer gemacht.[13] Diese Taten fanden in mehreren Herrschaften im Kremstal und im Großraum von Wels, südlich der Donau, statt.
Die erste Verurteilung von Rosalia erfolgte in der Herrschaft Parz (bei Grieskirchen) im Jahr 1738. Es wurde in einem (nicht mehr existierenden, aber 1745 zitierten) rechtlichen Gutachten, mit 17. Mai 1738 datiert, festgestellt, dass für sie die Todesstrafe nicht ausgeführt werden soll, da „der inquisitin Jugendt dazumassen noch ain: und ander linderungs umbstendte geeussert haben, als da waren, dß sÿe noch niemahlen abgestrafft worden“ war.[14] Ein weiteres (ebenfalls nicht mehr existierendes) Gutachten vom 24. Juli 1738 „anderey dreyen Rechts gelehrten benantlich dem seithero abgeliebten Herrn Doctori Stadler, Herrn Doctori Pröll, und mir zu medte unterschribenen Doctori Rechseÿsen“ beschloss, „unserb vorleuffiges sentement gnedig zu decretieren zu lassen, […] und der inquisitin amir andere extraordinarj offentliche leibesstraff zu dictieren ein gerathen, hat ein hochlöbliches gricht dises letztereguettachten nemblich die mild der schörfe vorziechent“, also Milde, d.h. Gnade vor Recht, walten zu lassen.[15]
Der Hinrichtung entkommen, wurde Rosalia zu zwei Jahren Gefängnis als „ainer wohl verdienten straff verurtheillet“, wo sie in (Fuß-)Eisen zur öffentlichen Arbeit angehalten und monatlich mit „12. Khärä batsch streich durch dem Landtgrichts dienner gezichtiget”, also einmal im Monat mit zwölf Schlägen mit der Karabatsche[16] ausgepeitscht wurde. Nach verbüßter Strafe sollten ihr bei ihrer Entlassung nochmals ihre Verbrechen nachdrücklich vorgehalten und sie an die Verhängung der Todesstrafe erinnert werden, sollte sie nochmals kriminell werden.
Die zweite Verurteilung
Nach der Entlassung aus der Haft in der Herrschaft Parz wird berichtet, dass sie daraufhin nicht unmittelbar auffällig geworden sei. In dieser unauffälligen Periode sei sie erst ein dreiviertel Jahr beim Staubmayr in Diensten gewesen, die nächste Zeit schlug sie sich im Abdeckernetzwerk durch, soll bei den Abdeckern in Schallau, im Kloster Seitenstetten, in Pühret, Steinwendt und in Fuxbichl gewohnt haben. Aber dann, einige Jahre später, wohl auf Grund ihrer Schwangerschaft verzweifelt, beging sie in Gschwendt wieder Diebstähle, „umb willen sÿe mit dem grossen bauch weder aus, noch ein gewust, mithin sich nichts zu sagen getrauet, aus purer noth aus giebet.“[17]
Am 22. Dezember 1744 wurde sie in Gschwendt aufgegriffen und inhaftiert. Vom Landgericht der Auerspergischen Herrschaft Gschwendt wurde ein schon oben angeführtes rechtliches Gutachten zum Fall der schwangeren Rosalia Pillinger von der Hauptmannschaft ob der Enns in Linz angefordert, das mit 14. Januar 1745 datiert, ausführliche 21 Seiten umfassend, an das Landesgericht übermittelt wurde. Glücklicherweise fand sich dieses Gutachten, den „Überlebenskampf“ der Rosalia von Anfang an beschreibend, im besagten Oberwallseer Gerichtsakt, da laut OÖLA keine Unterlagen der Herrschaften Parz und Gschwendt aus dem besagten Zeitraum mehr existieren – und somit dieses Gutachten die Lücken der Geschehnisse, aus herrschaftlicher Sicht beschrieben, Rosalia betreffend in den beiden Herrschaften zeitlich bis kurz vor der Verurteilung in Gschwendt füllt.[18]
Dass es sich trotz der erschwerenden Umstände der ersten Verurteilung von 1738 hier nur um Kleiderdiebstähle von zwar beträchtlichem Wert, aber ohne Gewaltanwendung und als Einzeltäterin, d.h. nicht als Teil einer Diebesbande handelte, rettete Rosalia abermals das Leben. Details dazu erfahren wir aus einem Schreiben vom März 1746, mit welchem der Landgerichtsverwalter der Herrschaft Gschwendt bei der „Landshaubmanschaft In öe : ob der Ennß“ in Linz ein Abschiebeansuchen einreichte, um Rosalia und „ihr unmündiges Kind“ nach verbüßter Strafe ins „Pfarrkhürch Ambt Steÿr“, der Ansässigkeit ihres verstorbenen Vaters, ausweisen zu dürfen (was auch genehmigt wurde). Darin ist zu entnehmen, dass die 1744 in Haft genommene schwangere Rosalia wegen wiederholten Diebstahls letztlich zu einer einjährigen (Zwangs-)Arbeit verurteilt wurde, weiters „alle 14 tag mit 15 wollempfindlich Cäräbäth stranch gezühtiget”, d.h. alle zwei Wochen 15 Peitschenschläge erdulden musste, und überdies an einem (d.h. jeden) Sonn- oder Feiertag eine Stunde mit einem um ihren Hals befestigten „Zetl“, ihre Straftat(en) darauf notiert, öffentlich ausgestellt wurde.[19]
Rosalias erstes nachweisbares Kind musste, wie oben angeführt, während ihrer Gefangenschaft im Laufe des ersten Halbjahres 1745 in Gefangenschaft auf die Welt gekommen sein, als Vater war „des Unter Erla Closter gehörig Abdeckhers in der stain wendt seinen Knecht nahmens Fränzl“[20](Franz Pledtinger)[21] angegeben. Details und Verbleib des/der Kleinen konnten bisher nicht ermittelt werden.
Die nächsten beiden Kinder stammen aus ihrer Beziehung mit dem „alten“ Franz Eder, den sie im November 1749 in Wilhering kennengelernt hatte. 1750 müssen die Zwillinge auf die Welt gebracht worden sein, verfrüht geboren, notgetauft, gleich nach der Geburt verstorben und im Gottesacker in Schwanenstadt begraben. Der Tod der Zwillinge wurde laut Rosalias Aussage im Sterbebuch der Pfarre Schwanenstadt zwar registriert,[22] leider ist dies nicht mehr nachweisbar, da dort bei einem Brand am 8. Oktober 1814, dem unter anderem der Kirchturm samt dem gesamten Pfarrhaus zum Opfer fielen, alle bis dato geführten röm.-kath. Kirchenmatriken vernichtet wurden.[23]
Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht
Am 12. März 1751 setzte Rosalia mit ihren Begleitern, drei weiteren Frauen und wohl vier Männern, vom Südufer über die Donau in den nördlich gelegenen Landesteil Oberösterreichs im Großraum Aschach an der Donau über. Die Frauen verbrachten die erste Nacht bei einem Bauern.
Das Malheur, zu ihrer dritten Verurteilung und nachfolgenden Hinrichtung führend, begann geringfügig genug. Rosalia und ihre drei Begleiterinnen, Jacobe (Eder, aus Schlüßlberg bei Grieskirchen), Mariandl (Maria Anna Rother/Reiter, aus Wegscheid) und Eva (Mayr, Schmiedstochter aus „Böhmen“), lagerten am 27. März 1751 auf einem Feld vor dem Wirtshaus – wohl in Gerling – in der Herrschaft Oberwallsee. Der Knecht Josef Köppelsdorfer wurde an diesem Tag um 9 Uhr früh auf die vier „Weibspersonen“ aufmerksam und überraschte sie, indem er sie zuerst nach Namen und Herkunft und was sie denn hier tun befragte und danach ihre „Bünkhle“[24] inspizierte. Es befanden sich darin eine Anzahl verdächtiger Kleidungsstücke wie ungetragene schwarze Seidenhosen und neue Leinenware, die nicht zu den Frauen passten und offensichtlich gestohlen waren. Der Knecht „arrestierte“ die vier Frauen, darunter „Rosalia die kleinste von Hof Steÿr“, und verbrachte sie zuerst auf den Hof, wo er arbeitete, bevor sie der Herrschaft übergeben wurden. Dabei sagte der Wirt Cajetan Schober aus Gerling aus, dass zwei Kerle sich mit den Frauen trafen und intensiv mit der Mariandl plauderten. Die zwei gehörten einer vierköpfigen Männergruppe an, die sich unter Führung des sogenannten „Drukhers“ in Gerling trafen und unter anderem verdächtigt wurden, das Haus des Ratsherrn von Windorf bei St. Martin ausgeraubt zu haben.[25]
Rosalia wurde (wie auch die anderen Frauen) in Oberwallsee inhaftiert und am 30. März 1751 erstmalig vom Oberwallseer Landgerichtspfleger Franz Johann Petermandl verhört. Auf seine Frage, ob sie schon einmal straffällig geworden sei, antwortete sie mit nein, auf die Frage, warum sie denke, dass sie inhaftiert wurde, meinte sie wohl lediglich wegen Bettlerei.
Im Laufe der weiteren Verhöre kamen dann jedoch nach und nach Rosalias frühere unrühmliche Taten ans Licht. Ein intensiver Schriftverkehr zwischen den Rechtspflegern der Herrschaften Oberwallsee, Kammer, Lambach, Gschwend und weiteren, zusammen mit Rosalias eigenen Geständnissen, deckte ihre Mitbeteiligung an unzähligen Diebstählen auf. Die beiden früheren Verurteilungen in den Herrschaften Parz und Gschwend wurden bald ebenso bekannt. Noch dazu wurde ihre erneute Schwangerschaft offensichtlich, als Vater wurde dann der kleine „Fränzl“ Franz Eder festgestellt, der junge Sohn des Vaters ihrer vormaligen Zwillinge, und dies auch so bei der Taufe vermerkt. Ein neues Rechtsgutachten scheint es 1751 nicht mehr gegeben zu haben, um die letztgültige Rechtssituation der Rosalia Pillinger darzustellen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das vormalige aus Gschwendt übermittelte Linzer Rechtsgutachten von 1745 als Basis bereits ausreichend war, da hier auf Grund der Sachlage ohnehin die Bestimmungen der gültigen Landgerichtsordnung für Diebstahl griffen, die besagten, dass wenn jemand schon zwei Mal zuvor wegen Diebstahls verurteilt wurde, also sich nicht gebessert hatte, die Todesstrafe anzusetzen ist, „der Mann mit dem Strang, und das Weib mit dem Schwerd“.[26]Die Todesstrafe für Rosalia war deswegen für das Landgericht wohl eine sich automatisch ergebende und unumgängliche Rechtssituation.
Rosalias Haft in Oberwallsee war eine lange Tortur und dauerte von Ende März bis Mitte November 1751, wegen ihrer Schwangerschaft wurde wohl ein früherer Hinrichtungstermin verworfen. Als jedoch am 29. September 1751 ihre Tochter Viktoria geboren und sogleich am selben Tag getauft wurde,[27] war nun der letzte Aufschiebungsgrund für eine Hinrichtung beseitigt und das grausame Schicksal nahm seinen Lauf. Ab dem 25. Oktober 1751 konferierten der kk Landrichter Kirchstetter mit dem Landgerichtspfleger Petermandl, welcher Hinrichtungstermin denn der günstigste wäre, der 12., der 17. oder der 18. November standen zur Auswahl. Letztendlich einigte man sich auf den 12. November 1751.[28]
Zwei eindrucksvolle Dokumente, die mit dem Hinrichtungstag, dem 12. November 1751 datiert sind, geben zusammengefasst die ultimative Sachlage wieder:
Das erste, zweiseitige Dokument ist das publizierte „Urtheil“,[29] mit welchem der kk Landrichter Franz Anton von Kirchstetter im Namen der Kaiserin Maria Theresia das harte Strafmaß, ein Todesurteil, mit kurzer Begründung darlegte und das außer von ihm noch von vier weiteren Personen und Amtsträgern mit Unterschrift und Siegel unterfertigt wurde. Abgesehen von der Einleitung wurde dieses mit weitgehend identischem Text so auch ins Landesgerichtsprotokoll der Herrschaft Oberwallsee eingepflegt (siehe untenstehend)[30].
Abbildung 3: Deckblatt des Gerichtsakts „Processus Criminalis“ der Rosalia Pillinger vom 12. November 1751. Quelle: Gerichtsprotokollbuch der Herrschaft Oberwallsee 1717-1768, OÖLA.Foto: Günter Zwickl
Abbildung 4: Urteilsbestätigung auf der letzten Seite des Urteils vom 12. November 1751. Quelle: Gerichtsprotokollbuch der Herrschaft Oberwallsee 1717-1768, OÖLA.Foto: Günter Zwickl
Im zweiten, 5-seitigen Dokument mit dem Titel „Ergühet“ (Ergeht), ebenfalls vom kk Landrichter Kirchstetter, mit Unterschrift und Siegel unterfertigt, wurde der gesamte Urteilssachverhalt nochmals detaillierter zusammengefasst.[31] Die beiden vormaligen Todesurteile mit Begnadigungen der Herrschaften Parz und Gschwendt waren angeführt, wie auch mehrere nachfolgende Straftaten. So heißt es darin, dass sie (Anmerkung: Rosalia) wegen Diebstahls und Räuberei in der Herrschaft Parz „dann auch wirklichen zum Todt schon dazumahlen condemniert worden : jedoch in Ansehung Ihrer Jugendt auch anderen vorgekommenen Linderungs umständen anoch absolviret“ und letztlich mit zwei Jahren Zwangsarbeit in Eisen davongekommen war. Dieser Bestrafung hat sie jedoch zu keiner Besserung gereichen lassen, sondern sie wurde wiederum straffällig und wegen eines Kleiderdiebstahls in der Herrschaft Gschwendt verurteilt. „Und ob sie allda zwar zum anderten Mahl dasLeben verwircket ist sie jedoch widrumb mit der Todts Straff verschont, und zur offentl: Arbeit condemniert wordten“. Diese beiden Bestrafungen haben auch weiterhin keine Besserung bewirkt, sondern sie hat sich nach ihrer Entlassung „erst zu rechten Erzdiebin und Räubern gesellt, mit selben in Ungarn, Böhmien, Steÿermarckh herumgezogen, und verschiedene sehr Ibel qualificirten Diebstähl und Räubereÿen ausüben geholffen, wegen welchen sie allein, wann sie auch schon vorhin nicht abgestraffet worden wäre das Leben verwürcket hätte.“ Die Todesstrafe war demnach unvermeidbar.Als Abschlusssatz wird noch lapidar vermerkt, sie „bereuet dise ihre Missethaten aus Grundt dß Herzens, befihlt sich sodann Gott und ihr Weltl:Obrigkeit zu einem gnädigen Urtheil ~“
Abbildung 5: Auszug: das Todesurteil und die Exekutionsbestätigung der Rosalia Pillinger, datiert mit 12. November 1751, Quelle: Gerichtsprotokollbuch der Herrschaft Oberwallsee 1717-1768, OÖLA.Foto: Günter Zwickl
Lebens Straff
In Puncto furtis, et reiterataeo fornicationis (bezüglich Diebstähle, und wiederholter Unzucht)
Nachdem Rosälliä Pillingerin ein ledige Dieners= Tochter von Pichl unter Gschwendt gebührtig, sich in La= ster der Diebstalls so sehr Vertieffet, und ÿber zweÿmahl= lig Vorgegangener Ernsthaffter Bestrafungen sich nit ge_ bessert, sondern von neuen wiederum sich zu Erz dieben gesellet, und beschiedner theills Jbel qualificierte dieb_ ställ ausgeiebet mithin auch eine rech incorrigible Diebin angesehen worden, der werth der gestollenen Sachen auf das quantum deren ad poenam Mortis er= forderlichen 25 F (Gulden) würdthlichen überstigen hat auch ist sye nach des Herrn Rechts Bestelten abgeforderten, und von Ihro hochgräfl. Gnaden Hherrn Otto Gundacker Gra= fen und Herrn V. Starhemberg pp auch Landtgerichts Herrn confirmierten Rechtlichen consulti., zur wohlverdienten Straff, anderen aber ihres gleich, boshaften Diebinnen zum Erspiegelnden Exempl zur gewöhnlich Richt:Statt ge= führet, und durch den Freÿmann mit dem Schwerdt vom Leben zum Todt hingerichtet, der Körper aber unter dem Galgen begraben worden. Pubuliciert und Exci. den 12ten 9bris 1751
Rosalia Pillinger wurde am 12. November 1751, gerade einmal 30 Jahre alt, um 9 Uhr morgens von Oberwallsee zum Galgenhügel nach Pesenbach verbracht, dort vom Freymann mit dem Schwert exekutiert und ihr Körper unter dem Galgen begraben. Den Ablauf solcher Exekutionen kann man anhand der Erzählung der letzten Hinrichtung der Herrschaft Oberwallsee in Pesenbach am 19. März 1811 nachvollziehen. Der Bauer Josef P. aus Goldwörth, der angeblich seine Frau erschlagen hatte (was er übrigens bis zuletzt abstritt), wurde nach seiner Inhaftierung in der Burg Oberwallssee mit einem pferdebespannten Leiterwagen von dort zur Richtstätte zum Pesenbacher Galgenberg gefahren und gehängt. Diese Hinrichtung wird, wie damals üblich, öffentlich vor einer beträchtlichen Menschenmenge stattgefunden haben, wie auch die Hinrichtung von Rosalia ein halbes Jahrhundert zuvor. Die Geschichte dieser letzten Hinrichtung des Josef P. wurde als derart schaurig empfunden, dass sie sogar Aufnahme in ein Volkssagenbuch dieser Gegend fand,[32] die tragische Geschichte der Rosalia fand in der Folklore hingegen keine Erwähnung.
Die Lage des Galgenbergs, der Richtstätte in Pesenbach, lässt sich sehr leicht aus dem Franziszeischen Katasterermitteln und liegt an der heutigen B131 – der Aschacher Straße, gegenüber der beiden Einfahrtsstraßen nach Rosenleiten. Die Straßen und Wege an der vormaligen Richtstätte haben bei Betrachtung aus der Vogelperspektive heute noch das exakt gleiche Layout wie vor 275 Jahren, an den schaurigen Ort selbst erinnert aber gar nichts mehr. Mittlerweile ist der Galgenhügel teilweise mit einer Getreidesiloanlage überbaut. Selbst die dortige Autobushaltestelle, die noch vor einigen Jahren „Galgenhügel“ hieß, wurde mittlerweile auf „Am Rauschberg“ umbenannt. Ob die nach der Hinrichtung verscharrten Leichen der Exekutierten irgendwann einmal umgebettet wurden oder noch immer dort liegen, ist unbekannt. Laut Auskunft des zuständigen Bauamts in Feldkirchen gab es keine Denkmalschutzauflagen beim Bau der Getreidesilos, es wurden keine Knochenfunde gemeldet. Der Ort ist von der Archäologie und auch der Bevölkerung zwischenzeitlich einfach vergessen worden.
Zurück zur Vergangenheit. Auch über Rosalias weibliche kriminelle Partner von 1751 sind Urteile in Oberwallsee aktenkundig, allerdings kamen alle mit relativ moderaten Strafen davon. Rosalias langjährige Freundin Jacobe Eder, die Weberstochter Annemarie, Maria Anna Rother (Reiter) und Eva Mayr aus Böhmen wurden wegen Diebstahls und/oder Unzucht in den Jahren 1751 und 1752 zu einer Haft in Eisen verurteilt.[33] Zum Schicksal der weiteren Mittäter, wie etwa des Drukhers namens Miedl und seiner Frau Theresia oder des Dragoners Franz, fand sich in Oberwallsee kein weiterer Nachweis zu eventuellen Inhaftierungen und Verurteilungen.
Epilog
Meine 5-fache Urgroßmutter Viktoria, Rosalias am 29. September 1751 in der Haft in Oberwallsee geborene Tochter, war nach der Hinrichtung ihrer Mutter nun ganz ohne Eltern. Über den Verbleib ihres Vaters, den jungen Franz Eder, konnte ich bisher nichts finden und es wäre ohnehin zweifelhaft gewesen, ob man ihm als „vagierenden“ Zeitgenossen das Kind überhaupt anvertraut hätte.[34] So veranlasste die Herrschaft Oberwallsee das Naheliegende und versuchte die Kleine in ihre Ansässigkeitsherrschaft abzuschieben. Die Genehmigung zur Abschiebung wurde im Jänner 1752 zwar erteilt, aber aus welchen Gründen auch immer dann nicht ausgeführt. Viktoria verblieb letztlich die nächsten zwei Jahrzehnte bis zu ihrer Trauung in der Obhut und Pflege des Oberwallseer Gerichtsdieners Gottlieb Mäyr und seiner Frau Victoria, ihrer Taufpatin. Im Alter von 23 Jahren ging sie, noch bei den Mayr wohnend, mit dem ledigen Knecht Sebastian Hofbauer aus Parz eine Beziehung ein, 1774 wurde der uneheliche Sohn Anton geboren, der aber einen Monat nach der Geburt verstarb. Zwei Jahre später ehelichte sie dann, wie anfangs erwähnt, den später wohlhabend gewordenen Salzzillenbesitzer Johann Georg Möslinger, meinen 5-fachen Urgroßvater, und bekam mit ihm sieben Kinder, bevor sie 1794, noch sehr jung, mit 43 Jahren in Linz verstarb.
1 Trauungsbuch der Pfarre St. Martin im Mühlkreis, 201/03, keine Fol.-Angabe, 4. 11. 1776; Trauungsbuch der Pfarre Feldkirchen an der Donau, 201/03, Fol 372.
2 Taufbuch der Pfarre Feldkirchen an der Donau, 101/03a, Fol. 115.
[3] Unzucht in der Frühen Neuzeit bedeutete vorehelichen Geschlechtsverkehr und unehelich empfangene Kinder, siehe Eva Marie Lehner, Geschlecht, Sexualität und Gewalt in der Frühen Neuzeit (1500–1800). Das (Nicht-)Dokumentieren von Gewalt in frühneuzeitlichen Quellen, in Eva Labouvie (Hg.), Geschlecht, Gewalt und Gesellschaft (Bielefeld 2023), 105f.
[4] Gerichtsakt „Processus Criminalis“ der Rosalia Pillinger, Herrschaft Oberwallsee, II., 2/d, Diebstahl, Furti, 6. Teil 1740-1752, Schachtel 11, Oberösterreichisches Landesarchiv Linz (bestehend aus ca. 200 Seiten Inhalt).
[5] Rechtliches Gutachten vom 14. 1.1745, ausgefertigt von den Linzer Doktoren Gottlieb Ambrosy Rechseysen, Franz Aentani Kerichstetter und Wolf Friderich Seyeinger aus Linz, 1 (im Gerichtsakt „Processus Criminalis“).
[6] Taufbuch der Pfarre Kematen an der Krems,101/07, Fol. 105.
[9] Tod des Mathias am 30. 5. 1729: Sterbebücher der Pfarre Kematen an der Krems, 301/01g, Fol. 117 & 301/01h, keine Fol.-Angabe; Tod der Maria am 5. 12. 1729: Sterbebücher der Pfarre Kematen an der Krems, 301/01g, Fol. 119 & 301/01h, keine Fol.-Angabe;
[14] Neue Land-Gerichts Ordnung 1736, 25. Articul., Von dem Diebstall, Beschwerende und Mildernde Umständ. (Linz 1736), 105f.
[15] Die Verurteilung in der Herrschaft Parz und die Vorgeschichte dazu, siehe Rechtliches Gutachten vom 14. 1. 1745, 4-6.
[16] Eine Karbatsche ist eine aus ledernen Riemen oder Hanfseilen geflochtene Peitsche mit einem kurzen Holzstiel, siehe auch Karabatsche, DWDS, URL: https://www.dwds.de/wb/Karbatsche (abgerufen: 8. 7. 2024)
[18] Bestätigungen des OÖLA über das Nichtvorhandensein der Herrschaftsunterlagen von Parz und Gschwend für den besagten Zeitraum, Korrespondenz des OÖLA an den Autor vom 5. 3. und 8. 7. 2024.
[19] Schreiben vom 18. 3. 1746 des Johann Sigmund von Paumgartter, Rechtspfleger und Landesgerichtsverwalter der Herrschaft Gschwendt an den Reichsgrafen der Landeshauptmannschaft ÖE ob der Enns, zwecks Abschub (im Gerichtsakt „Processus Criminalis“).
[24] Bünkhle, ein Binkl oder Binkel, bayrisch-österreichisch umgangssprachlich für ein Bündel.
[25] Anzaigung d.h. Anzeige vom 29. 3. 1751 des Knechts Joseph Köppeldorfer, aufgenommen vom Gerichtsdiener Gottlieb Maÿr und verifiziert vom Gerichtspfleger Franz J. Petermändl (im Gerichtsakt „Processus Criminalis“).
[26] Neue Land-Gerichts Ordnung 1736, 25. Articul., Von dem Diebstall, End=Urtheil. (Linz 1736), 105.
[27] Als Taufpatin fungierte übrigens Viktoria Mayr, die Ehefrau des Oberwallseer Landesgerichtsdieners Gottlieb Mayr.
[28] Schreiben vom 25. 10. 1751 des Landrichters Franz Anton von Kirchstetter an den Franz J. Petermandl, Rechtspfleger von Oberwallsee (im Gerichtsakt „Processus Criminalis“).
[29] Urtheil d.h. die Urteilsurkunde vom 12. 11. 1751 betreffend Rosalia Pillinger (im Gerichtsakt „Processus Criminalis“).
[30] Landtgerichts Prothocoll, Bei der hochgräflichen Excellenz Starhembergischen Herrschaft Ober Wallßee, von ersten Marty. Anno 1717 bis 17(68), Hs. Nr. 50, Oberösterreichisches Landesarchiv Linz, 93 revers.
[31] Ergühet d.h. das Urteilsbegründungsdokument vom 12. 11. 1751 betreffend Rosalia Pillinger (im Gerichtsakt „Processus Criminalis“).
[32] Elisabeth Schiffkorn, Kapitel 3, Goldwörth: Die letzte Hinrichtung am Galgenhügel bei Pesenbach, in: Sagenstraßen in Urfahr und Umgebung. 27 Gemeinden und ihre Geschichten. Das oberösterreichische Sagenbuch Band 3, (Linz 2015).
[33] Landtgerichts Prothocoll, Herrschaft Oberwallsee, Leibs Straffen, 93-95 reverse
[34] es war bisher kein Nachweis über Franz Eder (jun.) in der Zeit 1751 bis 1775 zu finden. In Viktorias Trauungseintrag von 1776 in St. Martin wurde er als bereits verstorben angemerkt.
In diesem Buch über das Wagnerhandwerk in Niederösterreich geht es einerseits um die wechselvolle Geschichte dieses mittlerweile fast ausgestorbenen Handwerks im Laufe der Jahrhunderte und andererseits um die Wagnermeister der Familie Kornmüller, die ab dem Jahre 1730 und damit über sieben Generationen bzw. 230 Jahre hindurch diesem Beruf nachgingen.
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es so gut wie in jeder ländlichen Gemeinde einen Wagner. Zeugnis davon gibt auch der Umstand, dass der Familienname Wagner der häufigste Nachname in Österreich ist. Mit dem Rückgang der Nachfrage nach den Produkten des Wagners aufgrund von Industrialisierung und Motorisierung ist auch das Wissen über dieses Handwerk allmählich verloren gegangen. Heute leben nur mehr wenige Personen, welche in den 1950er bzw. den frühen 1960er Jahren den Beruf des Wagners noch traditionell erlernten.
Um das Wissen über dieses traditionelle Handwerk zu erhalten, wurden sämtliche verfügbare Quellen (z.B. Landes- und Stadtarchive, Diözesanarchiv, Museen) für dieses Buch herangezogen. So wurden unter anderem die zünftigen Ursprünge des Handwerks in Niederösterreich anhand von Zunftarchivalien näher untersucht. Auch die Auswirkungen der industriellen Revolution auf dieses kleingewerbliche Handwerk werden überblicksmäßig aufgezeigt. Der Fokus dieser Publikation liegt auf dem ländlichen, kleinbetrieblichen Wagnerhandwerk und den damit verbundenen Arbeits- und Lebensformen.
Andrea Drexler hat sich im Rahmen ihrer Abschlussarbeit zum Lehrgang „Heimat- und Regionalforschung“ unter der Leitung des Historikers Dr. Gerhard Floßmann eingehender mit dem Wagnerhandwerk in Niederösterreich beschäftigt und im Zuge dessen die Lebensumstände der kleingewerblichen Wagnermeister in ihrer Ahnenreihe aus dem westlichen Mostviertel (Haag/Weistrach und Umgebung) näher untersucht.
Andrea Drexler, Das Wagnergewerbe in Niederösterreich. Vom zünftischen Handwerk bis zum Niedergang des Wagner-Handwerks, die Familie Kornmüller, Wagnermeister über Generationen im Mostviertel, erschienen im Eigenverlag (2022), erhältlich um € 19,50 (zzgl. Versand) direkt bei der Autorin (handwerksgeschichte@gmx.at)
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Jahrbuch 2025 der Österreichischen Gesellschaft für Familien- und regionalgeschichtliche Forschung (ÖFR) erstveröffentlicht und für diesen Blogbeitrag überarbeitet.
Mein Beitrag beschreibt die Eröffnung der Kriegsausstellung im Wiener Prater am 1. Juli 1916 und den Ausstellungsbesuch eines Buben mit seinem Onkel. Fakt und Fiktion werden vermischt. Ich möchte einen Einblick in die Psyche eines Teiles der damaligen Bevölkerung geben. Die Geschichte ist frei erfunden, sie könnte sich aber so zugetragen haben. Frau Mutter, Herr Vater, Onkel Rudi und der kleine Franzi haben nie gelebt (Bemerkung: zu dieser Zeit waren ältere Verwandte Respektspersonen, welche in der Höflichkeitsform mit ‚Sie‘ bzw. Frau Mutter, Herr Vater usw. angesprochen wurden). Alle anderen Personen, die Kriegsausstellung, die Ansprachen und andere Geschehnisse wurden sorgfältig recherchiert und sind Fakt. Die Transkription der Zeitungsartikel soll die Denkweise eines Teils der Bevölkerung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und die Wichtigkeit bestimmter Themen zeigen.
Der kleine Franzi ist heute ganz aufgeregt. Am Vormittag wird seine Firmung durch Kardinal-Fürsterzbischof Friedrich Gustav Kardinal Piffl[1] stattfinden. Es werden aber nur seine Mutter und der Firmpate, Onkel Rudi, daran teilnehmen. Der Vater des kleinen Franzi ist Arzt und im Krieg irgendwo im Osten in einem Lazarett tätig. Franzi hat den Herrn Vater seit zehn Monaten nicht mehr gesehen, aber er schreibt regelmässig Briefe an ihn. Franzi ist mächtig stolz auf seinen Herrn Vater, denn dieser rettet Leben und schaut, dass die Verwundeten wieder gesund werden, um dann wieder für Gott, Kaiser und Vaterland[2] kämpfen zu können. Onkel Rudi hat sich für den kleinen Franzi ein ganz besonderes Geschenk zur Firmung einfallen lassen. Es ist nicht die übliche Uhr, sondern ein Besuch der Kriegsausstellung im Prater. Der kleine Franzi freut sich sehr. Endlich sieht er, wie es im Krieg wirklich ist und wie ein Lazarett aussieht, in dem Herr Vater arbeitet. Onkel Rudi ist auch froh. Eine Uhr ist viel teurer als der Eintritt in die Kriegsausstellung.
Die Leistungsschau findet im Prater im Kaisergarten und der Gallitzinwiese auf einer Fläche von 50.000 m2 statt. Ursprünglich hätte sie im Mai eröffnet werden sollen, aufgrund von Bauverzögerungen wurde es Anfang Juli. Zur Unterhaltung gibt es ein Kino mit 760 Sitzplätzen und ein Theater für 1.360 Besucher. Eine Kriegsinvalidenkapelle spielt schmissige Stücke. Durch Gewerbe und Industrie wird ein Einblick in die Kriegsführung zur Belehrung der Bevölkerung gegeben.[3] Im Ausstellungskatalog steht: „Die Bevölkerung wird sich ein Bild über alles das machen, was mit dem Kriege in innigem Zusammenhang steht, und wenn überhaupt die Opferwilligkeit der Bevölkerung noch steigerungsfähig ist, ermutigt werden, bis zum Ende auszuharren. Sie soll auch das Bewusstsein geben, dass für die Angehörigen der Armee in jeder Richtung gesorgt wird, dass namentlich die Verwundetenpflege gewissenhaft gehandhabt wird, dass es niemand an der nötigen Fürsorge fehlen lässt, und diejenigen, die ihre nächsten Verwandten und Freunde im Felde haben, werden die Beruhigung mit sich nach Hause nehmen, dass hilfsbereite Kräfte sich ihrer annehmen, wenn sie deren bedürfen“[4]
Einige Tage vor dem Besuch der Kriegsausstellung hat Onkel Rudi folgende Beiträge in der Neuen Freien Presse gelesen:
„Die Eröffnung der Kriegsausstellung im Kaisergarten
Wien, 1. Juli
Heute vormittag um 11 Uhr wurde die Kriegsausstellung im Kaisergarten durch Erzherzog Franz Salvator in Stellvertretung des Kaisers eröffnet. Zur Eröffnung hatten sich eingefunden: der Ehrenpräsident der Ausstellung Kriegsminister Generaloberst Freiherr v. Krobatin, Landesverteidigungsminister Generaloberst Freiherr v. Georgi, Unterrichtsminister Dr. Ritter v. Hussarek, Arbeitsminister Dr. Trnka und Finanzminister Dr. v. Leth, der türkische Botschafter Hussein Hilmi Pascha, der bulgarische Gesandte Dr. Toschew mit Legationsrat Dr. Stojanow, Militärattaché Oberstleutnant Tantilow, Generalkonsul Stiaßny, der bayerische Gesandte Baron Tucher, der chinesische Gesandte Shen-Soeu-Ling, Kardinal-Fürsterzbischof Piffl, Feldbischof Bjelik, Feldzeugmeister Benda, Feldzeugmeister v. Czeipek, G. d. I. Vizepräsident vom Roten Kreuz v. Zednik, G. d. I. Tyszlar, Militärkommandant G. d. I. v. Kirchbach, der Vorstand des Kriegsfürsorgeamtes FML. v. Loebl mit Gemahlin, Vorstand des Militär-geographischen Instituts FZM. Frank, FML. v. Bellmont mit Gemahlin, FML. Paul Freiherr v. Wernhardt als Vertreter des Deutschen Ritterordens, FML. Reinold, FML. Glücksmann, Generalstabsarzt und Chef des militär-ärztlichen Offizierskorps Ritter v. Töply, Generalstabsarzt Szilagyi, Chef des honvedärztlichen Offizierskorps, Generaloberstabsarzt Thurnwald, Chef des landwehrärztlichen Offizierskorps, Direktor des Kriegsarchivs GM. Hoen, GM. Fürst Starhemberg, GM. Vukelic, Stadtkommandant, GM. Ritter v. Mossig.
Ferner waren erschienen von der deutschen Botschaft Legationsrat v. Bethmann Hollweg, Prinz Erbach-Schönberg, Marineattache v. Freyberg, Prinz Reuß und Hauptmann von dem Hagen, der deutsche Konsul D. v. Vivenot, der Präsident des Gemeinsamen Obersten Rechnungshofes Freiherr v. Pener mit Gemahlin, der Präsident des Obersten Rechnungshofes Geheimer Rat Freiherr v. Beck mit Gemahlin, Hofwirtschaftsdirektor Hofrat v. Prileszky, Polizeipräsident Baron Gorup, Oberpolizeirat Dr. Pammer, Gouverneur der Postsparkassa Freiherr v. Schuster-Bonnott, die Hofräte Professor Dr. Finger, Stukart, Haas, Dr. Kobler und Illing.
Weiter waren gekommen: Minister a. d. Freiherr v. Engel, Fürst-Großprior des Malteserordens Graf Hardett, Fürst Esterhazy, Generalstabsart Pick, Vorstand des Kriegshilfsbureaus Hofrat Dr. Prinz Liechtenstein, Präsident der Zentralschulbücherverlage Dr. Heinz, der Präsident des Hilfsvereines vom Roten Kreuze für Niederösterreich Graf Thurn-Valsassina, Oberleutnant Graf Alexander Kolowrat, Graf Salm, die Oberstabsärzte Dr. Spitzy und Dr. Wildner, die Regierungsräte Fleischner und Kupka, der gewesene Petersburger Generalkonsul Balsin, der persische Generalkonsul Chilaiditti, Artillerieoberingenieur Direktor des Heeresmuseums John, die kaiserlichen Räte Sachsel mit Gemahlin und Vogel, Vorstandsmitglied des Witwen- und Waisenfonds Oberleutnant Spitzer, Major A. Fritsch, militärischer Leiter mehrerer Fabriken, Kommerzialrat Heinrich Grimm, Zentraldirektor Senitza, Direktor Rudolf Sarlos, die Landesausschüsse Bielohlawek und Sturm, die Gemeinderäte Dr. v. Dorn, Schäffer und Eder, Oberbaurat v. Emperger, Vizepräsident des Roten Kreuzes v. Boschan, Sanitätschef des Roten Kreuzes Dr. Lamberger, Moritz Ritter v. Guttmann, Bildhauer Professor Kautzsch, Komponist Karl Weinberger mit Gemahlin, Bildhauerin Lona, die Maler Professor Goltz, Adams, Prinz und zahlreiche andere Maler, v. Zamboni, Dr. Ignaz Bindermann, Vizepräsidentin der Kriegspatenschaft Frau Frankl-Scheiber mit Tochter, Frau Generalkonsul Medinger mit den Damen Lederer und Thonet-Wurm von der dänischen Deckenaktion, Frau Hauptmann Rosa Böhm usw.
Während des Rundganges wurde vom Erzherzog die Benagelung des „U-Bootes in Eisen“ vorgenommen. Die eindrucksvolle Ansprache an den Erzherzog hielt Konteradmiral Schanzer.
Beim Haupttore der Ausstellung wurde der Vertreter des Kaisers, Erzherzog Franz Salvator, vom Ehrenpräsidenten der Kriegsausstellung Kriegsminister Generaloberst Freiherrn v. Krobathin unter den Klängen der Volkshymne empfangen und begrüßt. Der Erzherzog wurde sodann in die Ehrenhalle geleitet, woselbst der Kriegsminister zunächst den Präsidenten des Arbeitsausschusses, Herrenhausmitglied Hofrat Ritter v. Vukovic, vorstellt, der dann die Mitglieder des Arbeitsausschusses, und zwar: die Herren Vizepräsidenten Truchseß v. Hoefft und Direktor Dr. Domenego, den Direktor der Adriatischen Bank Matthäus Herceg sowie den Großindustriellen Rudolf Ritter v. Kraßl, die militärischen Beiräte Artillerie-Oberingenieur Dr. Wilhelm John, Direktor des Heeresmuseums, Major Regierungsrat Oskar Weis, Hauptmann Eugen Grasser und Korvettenkapitän Plachuota, ferner den Chefarchitekten Professor Karl Witzmann, den ständigen Beirat kaiserlichen Rat S. Lehr, Kanzleidirektor Julius Kofler sowie Direktor S. Reich, welch letzterer als Konsulent für alle die ungarischen Aussteller betreffenden Belange fungierte. Als Vertreter der Presse wurden der Obmann des Preßkomitees Chefredakteur Wilhelm Singer und der Preßleiter der Ausstellung Max Forst dem Erzherzog vorgestellt.
Ansprache des Hofrates v. Vukovic
Hofrat v. Vukovic hielt hierauf eine Ansprache, in der er sagt:
Mit größter Begeisterung und tief empfundener Dankbarkeit begrüßen wir das Erscheinen Eurer k.u.k. Hoheit als den erlauchten Vertreter Sr. k.u.k. Apostolischen Majestät, unseres geliebten und innigst verehrten Kaisers und Königs zur Eröffnung der Kriegsausstellung Wien 1916, eines leuchtenden Wahrzeichens opferfreudiger Tätigkeit während des Krieges.
Der hochherzige Entschluß Sr. k.u.k. Apostolischen Majestät, sich bei dieser Gelegenheit durch Eure k.u.k. Hoheit allergnädigst vertreten zu lassen, verleiht dem patriotischen Werke die größte Weihe und dokumentiert gleichzeitig, welch hohe Bedeutung unser oberster Kriegsherr der ungeheuren Arbeitsleistung beimißt, die Heer und Volk aufbieten mußten und noch aufbieten müssen, um den gewaltigen Ansturm auf die Integrität unserer Monarchie abzuwehren.
Diese Fülle von Arbeitsleistung zu versinnbildlichen und der breiten Öffentlichkeit vor Augen zu führen sowie zur Verherrlichung der glänzenden Waffenerfolge unserer glorreichen Truppen und ihrer treuen Verbündeten beizutragen, hat sich die zur Eröffnung gelangende Kriegsausstellung zu ihrer Hauptaufgabe gestellt.
In diesem Sinne soll die Ausstellung dem Ernste der gegenwärtigen Zeit entsprechend, vorwiegend eine Stätte der Belehrung und nicht des Vergnügens werden.
Während die bisherigen Ausstellungen der Anbahnung wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen galten, ist dieser Gedanke bei unserer Kriegsausstellung in die zweite Linie gerückt. Sie strebt vornehmlich die Belehrung der Bevölkerung an, die einen Einblick in die Art unserer Kriegführung erhalten und der gezeigt werden soll, was die Kriegsverwaltung und die mit dem Kriege zusammenhängenden Industrien und Gewerbe, was die Opferwilligkeit und die Begeisterung der Bevölkerung geleistet haben. Dadurch daß die kriegerischen Ereignisse, die ganz Europa in ihren Wirbel hineinzogen, die volkswirtschaftlichen Verhältnisse aller Staaten bunt durcheinander würfelten, ist an die Kriegsverwaltung bei der Zusammenfassung aller in der Monarchie vorhandenen Kräfte für die Kriegszwecke eine ungeheure Anforderung gestellt worden, der sie aber in vollkommen entsprechender Weise gerecht wurde. Industrie und Gewerbe mußten ihre Betriebe fast über Nacht den neuen Bedingungen anpassen und auch alle wirtschaftlichen und geistigen Kräfte mußten zu einem bestimmten erhabenen Zwecke, zu einem machtvollen Ganzen zusammengefaßt werden. Die Summe dieser vielfältigen Arbeit hat dann die überwältigenden Erfolge an der Front vorbereitet, herrliche Siege gezeitigt und den festen, entschlossenen Willen im Volke ausgelöst, bis zum siegreichen Ende durchzuhalten.
Alle diese hervorragenden Taten, die auf den verschiedenen Gebieten des wirtschaftlichen, militärischen, humanitären und geistigen Lebens entwickelt wurden und zu so ungeahnten Leistungen sich verdichteten, finden ihren konkreten Ausdruck in der Summe der Objekte, welche – insoweit das militärische Geheimnis es nicht hinderte – in der Kriegsausstellung vereinigt sind.
Eine Auswahl von Trophäen und Beutestücken gibt von den vielen Heldentaten unserer Armee und Marine und ihrer erfolgreichen Verbündeten Deutschland, Bulgarien und Türkei, die auch in der Kriegsausstellung treue Bundesgenossenschaft halten, beredtes Zeugnis.
Die Heeresverwaltung, die als Hauptausstellerin fungiert, hat hier eine willkommene Gelegenheit gefunden, in großzügiger Weise zu der Bevölkerung zu sprechen und ihr einen Begriff von den überwältigenden Leistungen der wirtschaftlichen, militärischen und organisatorischen Faktoren zu geben, denen die fortgesetzt steigende Schlagkraft Österreich-Ungarns zu danken ist.
Die Kriegsausstellung Wien 1916, welcher das große Glück zuteil wird, von Eurer k.u.k. Hoheit in Vertretung Sr. k.u.k. Apostolischen Majestät eröffnet zu werden, wird unter diesen Auspizien sicher ihren hohen Zweck erfüllen, überzeugend und belehrend zu wirken und den Fürsorgezwecken, deren Förderung den Veranstaltern der Ausstellung als Endziel vor Augen schwebt, zum Vorteil gereichen.
Ich bitte Eure k.u.k. Hoheit ehrerbietigst, die Kriegsausstellung Wien 1916 gnädigst als eröffnet erklären zu wollen.
Eröffnungsansprache des Erzherzogs Franz Salvator
Erzherzog Franz Salvator erwiderte: „Seine k.u.k. Apostolische Majestät haben mich mit allerhöchstseiner Vertretung bei der feierlichen Eröffnung der Kriegsausstellung in Wien 1916 Allergnädigst zu betrauen geruht.
Diesem Allerhöchsten Befehle Folge leistend, spreche ich im Allerhöchsten Namen Seiner k.u.k. Apostolischen Majestät dem Arbeitsausschusse, der Heeresverwaltung als Hauptausstellerin sowie allen jenen Funktionären der eigenen Monarchie und der mit uns treu verbündeten Staaten, unter deren unermüdlicher Leitung und Mitarbeit ein Werk von hoher ethischer Bedeutung für alle Bevölkerungsschichten der Monarchie erstanden ist, das nicht nur dem Zwecke des Einblickes in die Art unserer Kriegsführung, sondern auch der Kriegsfürsorge dienen soll, welche letztere Aktion Seiner k.u.k. Apostolischen Majestät besonders am Herzen liegt, den Allerhöchsten Dank aus.
Ich wünsche den Veranstaltern als verdienten Lohn volles Gelingen und Gedeihen und erkläre hiemit im Namen Seiner Majestät des Kaisers und Königs die Kriegsausstellung für eröffnet.“
Sodann trat der Erzherzog unter Führung des Ehrenpräsidenten und der Mitglieder des Arbeitsausschusses den Rundgang durch die Ausstellung an.
* * *
Dem Festkomitee der Ausstellung gehören an als Obmann: kaiserlicher Rat Siegfried Franz Weil; als Mitglieder: kaiserlicher Rat Dr. Moritz v. Hohelangen, Oberbaurat Dr. Fritz Edler v. Emperger, kaiserlicher Rat Ingenieur Hugo Fuchs, Doktor H. Th. Hillischer, Hofzahnarzt, kaiserlicher Rat Artur Ritter v. Kink, S. Königstein, Präsident des Telephonvereines, Gustav Prinz, Juwelier, Zivilingenieur Ludwig Paul Roth, Theodor Sachsel, Oberinspektor des Eisenbahnministeriums, Dozent Paul Schmidt, kaiserlicher Rat Friedrich Vogel, Genossenschaftsvorsteher, Professor Julius Ziegler.
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Im Gebäude für Kriegsliteratur und Kriegskunst finden wir als erfreulich zahlreiche Beweise regen geistigen Lebens in der Front eine stattliche Reihe von Kriegszeitungen zur Schau gestellt, die das starke Bedürfnis nach Lesestoff bekunden. Als eine der ältesten und wohl weitestverbreiteten repräsentiert sich äußerlich anspruchslos, aber reich an gediegenem Inhalt die im Auftrage des Präsidiums des Kriegsministeriums herausgegebene, in deutscher und sechs Landessprachen erscheinende „Feldzeitung“ (Streffleurs Militärblatt), als deren Schriftleiter Hauptmann Nagele des Kriegsministeriums zeichnet. Der unter Mitwirkung namhafter Schriftsteller und Gelehrter aus allen Wissensgebieten sorgsam zusammengetragene Stoff kommt dem Bildungsbestreben unserer Offiziere und Soldaten entgegen und wir sehen damit an einem neuen Beispiel Heeresleitung und Heeresverwaltung als werktätige Förderer geistiger und kultureller Interessen unseres Volkes in Waffen.“[5]
Wir haben im Abendblatte eingehend über die Eröffnung der Kriegsausstellung berichtet. Erzherzog Franz Salvator, der bei dem Eröffnungsakt als Vertreter des Kaisers fungierte, unterzog die Ausstellung einer eingehenden Besichtigung und äußerte sich zu den Veranstaltern in Worten uneingeschränkten Lobes über die Mannigfaltigkeit und die Gediegenheit des Gebotenen.
Der Rundgang des Erzherzogs
Geführt vom Kriegsminister Generaloberst Freiherrn v. Krobatin, vom Präsidenten des Arbeitsausschusses Herrenhausmitglied v. Vukovic und den Mitgliedern des Ausschusses Rudolf Ritter v. Kraßl v. Traissenegg und Professor Witzmann betrat der Erzherzog die Trophäenhalle. Hier meldete sich der Direktor des Heeresmuseums Artillerie-Oberingenieur Dr. Wilhelm John und begleitete den Erzherzog bei dem Rundgang.
Der Erzherzog interessierte sich ungemein für die russischen Geschütze und Gewehre. Sein besonderes Interesse erregten die Thronsessel des Königs Peter aus dem Konak und dessen Rednerpult aus der Stupschtina. Als der Artillerie-Oberingenieur Dr. John dem Erzherzog zwei improvisierte russische Minenwerfer zeigte, die aus Schrapnellhülsen hergestellt und in ausgehölte (Bemerkung: Schreibweise wie im Original) Baumstämme eingelassen, monatelang am Dunajec in Verwendung standen, sagte der Erzherzog: „Mein Sohn, der auch im Felde ist, hat mir von einem ganz ähnlichen Fall geschrieben.“
Dann begab sich der Erzherzog in den nächsten Pavillon, der die deutschen Trophäen beherbergt. Dort übernahm Oberleutnant Schulze, der seitens des deutschen Generalstabes dem Kriegsministerium zugeteilt ist, die Führung. Nun wurde die Ausstellung der siebenten Abteilung des Kriegsministeriums besichtigt, wobei Oberstleutnant Wenzel und Rittmeister i. d. R. Friedrich Ritter v. Kraßl die Führung übernahmen. Der Erzherzog nahm hier zunächst die ausgestellten Objekte der Enzesfelder Munitionsfabrik in Augenschein, wobei ihm der Generaldirektor Gustav Tomala und Hauptmann Ritter v. Henriquez vorgestellt wurden, dann die Ausstellung der Eisenwerke Resicza, deren Generaldirektor Eberhard ebenfalls vom Erzherzog angesprochen wurde. Großes Interesse brachte der Erzherzog den Bildern des ihm vorgestellten Malers Coltz entgegen, welche die Wirkung des 30.5-Mörsers zum Ausdrucke bringen.
Im anschließenden Raume besichtigte der Erzherzog die von den Munitionsfabriken Wöllersorf und der Gewehrfabrik in Steyr ausgestellten Objekte. Außer für die verschiedenen Arten Munition, die hier ausgestellt werden, interessierte sich der Erzherzog insbesonders für die Ausstellung der Kampfmittel unserer Gegner, wobei die berüchtigten serbischen Handgranaten, System Kragujevac, seine besondere Aufmerksamkeit erregten. Längere Zeit verweilte der Erzherzog bei der Patronenfüllmaschine (System Hauptmann Henriquez), die in einer Stunde 10.000 Patronen herzustellen vermag.
Von dort begab sich der Erzherzog zu der Ausstellung der österreichischen Industriewerke Warchalowsky, Eißler & Co. und zu der Ausstellungsabteilung für Explosivstoffwesen.
Im Pavillon für Pionierwesen, woselbst FML. Reinold die nötigen Aufkärungen erteilte, interessierte sich der Erzherzog besonders für die dort zur Veranschaulichung gebrachte Mitwirkung der Pioniertruppen bei der Eroberung Belgrads. In der Ausstellung des Militärgeographischen Insituts äußerte sich der Erzherzog gegenüber den ihn begleitenden Kommandanten des Militärgeographischen Instituts G. d. I. v. Frank und technischen Oberrat Pichler: „Sie haben jetzt viel Arbeit. Es ist nur zu bedauern, daß Sie die Leistungen Ihres Instituts, die so streng reservat sind, nicht ausstellen können.“ Auf dem weiteren Rundgang gelangte nun der Erzherzog mit seinem Gefolge in den Pavillon der Kriegsfürsorge, woselbst ihn FML. v. Löbl empfing. Der Erzherzog äußerte seine Überraschung über die glänzenden Resultate, welche die Sammlungen des Kriegsfürsorgeamtes erzielt haben und die tabellarisch in genauester Übersichtlichkeit dargestellt sind. Er bewunderte sodann die ausgestellten Arbeiten der Medailleurkünstler sowie die Ausstellung der Aktion für dänische Decken, woselbst Frau Generalkonsul v. Medinger, Frau Thonet und Frau v. Lederer vorgestellt wurden. Bei der Ausstellung des Schwarz-gelben Kreuzes sprach der Erzherzog mit dem Leiter Redakteur Siegfried Löwy und bemerkte, diese Aktion sei ungeheuer populär und habe große Erfolge erzielt. „Wie ist der gegenwärtige Stand Ihrer Aktion?“ fragte der Erzherzog, worauf Redakteur Löwy erwiderte: „Wir haben durch Spenden zwei Millionen für die Freitischkarten und für die Erzeugnisse mit dem Zeichen des Schwarz-gelben Kreuzes 1,000.000 K. eingenommen.“
Im Pavillon des Generalgouvernements Lublin stellten sich dem Erzherzog der gewesene Generalgouverneur von Lublin Statthalter von Galizien FML. v. Diller, Hauptmann Rost als Vertreter des Generalgouvernements, ferner die Hauptleute Sucher und Kürner vor. Der Erzherzog interessierte sich sowohl für die tabellarischen Darstellungen als auch die zur Ausstellung gebrachten Produkte der Bergwerksbetriebe in hohem Maße und erbat sich wiederholt von den ihn begleitenden Offizieren detaillierte Auskünfte über die ausgestellten Objekte.
Im Pavillon für Heeresausrüstung übernahm Oberleutnant Professor Havliczek die Führung. Der Erzherzog besichtigte die Exposition auf das genaueste und äußerte sich in lobender Weise über die Anordnung. Oberleutnant Professor Dr. Richter, der Erfinder einer neuen Aufbereitungsmethode für Nesselfasern, erteilte dem Erzherzog über dessen Wunsch einige Aufklärungen über das neue System.
Im Pavillon des Landes Niederösterreich empfing Landesausschuß Bielohlawek und begrüßte als Vertreter des Landesausschusses den Erzherzog. Der Erzherzog besichtigte die Ausstellung der landwirtschaftlichen Abteilung und nahm mit Interesse die Mitteilung entgegen, daß der Landesausschuß bereits acht Schulen für Kriegsinvalide etabliert habe.
Das nächste Objekt, das der Erzherzog einer eingehenden Besichtigung unterzog, war der Pavillon der Marine, woselbst ihn Konteradmiral Schanzer und Linienschiffsleutnant Leinweber empfingen. Konteradmiral Schanzer geleitete den Erzherzog zu dem von Herrn v. Krupp-Bohlen v. Halbach gestifteten, zur Benagelung für Kriegsfürsorgezwecke bestimmten U-Boot-Modell und bat den Erzherzog in einer Rede, die Benagelungsaktion einzuleiten. Erzherzog Franz Salvator erwiderte: „Ich schlage hiemit den ersten Nagel im Namen Sr. Majestät des Kaisers in dies U-Boot-Modell und wünsche der Aktion, daß sie ihren Zweck voll und im reichsten Maße erfülle.“ Der Erzherzog unterzog sodann die Marineausstellung einer eingehenden Besichtigung und bekundete besonderes Interesse für das Modell des Flaggschiffes „Tegetthoff“ sowie für den im Mittelpunkte des Saales aufgestellten Kamin der „Helgoland“, wobei er bemerkte: „Na, der war ordentlich im Feuer!“ Sodann erkundigte er sich, ob das Torpedoboot 51, das von feindlichen Geschossen getroffen worden war, schwimmend geblieben sei, worauf Konteradmiral Schanzer erwiderte, daß es bereits nach sechs Wochen vollkommen repariert wieder in Dienst gestellt werden konnte.
Im Pavillon für Bauwesen erteilten Major Schmidt und Architekt Popovic dem Erzherzog Aufschlüsse über das interessante, zur Ausstellung gebrachte Material. Die Gruppe „Kriegsgräber“, die der Erzherzog bereits in Krakau eingehend besichtigt hatte, fand neuerdings seine Anerkennung und er bemerkte zu dem ihn begleitenden Hauptmann Rudolf Broch: „Obwohl ich über Ihre Ausstellung ganz orientiert bin, muß ich bekennen, daß sie mich von neuem in höchstem Maße interessiert hat.“
Besonderes Interesse bekundete der Erzherzog ferner für die bekannte Hilfsaktion der Frau Oberrechnungsrat Ricka Jelinek-Walz (Österreichische Rote-Kreuz-Hilfsaktion für die Kinder schwerverwundeter Soldaten in den Spitälern Wiens). Die Dame, die von dem Erzherzog angesprochen wurde, konnte mitteilen, daß bis jetzt über 20.000 arme Soldatenkinder beteilt worden sind.
Im Pavillon der Kunstausstellung des Kriegspressequartiers begrüßte der Vorstand des Kriegspressequartiers und Direktor des Kriegsarchivs Generalmajor Maximilian Ritter v. Hoen den Erzherzog und stellte sich ihm zur Führung in dieser Abteilung zur Verfügung. In diesem Pavillon hatte sich ein großer Teil der Maler und Künstler des Kriegspressequartiers eingefunden, die sich beim Rundgang des Erzherzogs den ihn begleitenden Persönlichkeiten anschlossen. Unter Führung des Generalmajors Ritter v. Hoen, der die nötigen Erläuterungen gab, besichtigte der Erzherzog zunächst die ausgestellten Bilder der Mitglieder des Kaiserhauses und dann die unserer verdientesten Generale und Korpskommandanten. Der Erzherzog drückte beim Abschied dem Generalmajor Ritter v. Hoen die Hand und erklärte: „Ich werde sehr bald wiederkommen und mir alle Bilder genau ansehen. Die Ausstellung des Kriegspressequartiers ist so schön, daß ich ihr einen eigenen Besuch abstatten muß.“
Von dort begab sich der Erzherzog auf den Festplatz, wo die Deutschmeisterkapelle, vom Kapellmeister Watzek dirigiert, die Volkshymne intonierte. Er passierte das Ausstellungsrestaurant, das Kino, in dem die Aufnahmen der Eröffnung der Kriegsausstellung noch nachmittags zur Vorführung gelangten, und begab sich sodann, am Bundestheater vorbei, zum Ausgang, wo Ritter v. Kraßl die Beendigung des Rundganges meldete. Der Erzherzog dankte diesem für die rasche und übersichtliche Führung und verabschiedete sich hierauf nach mehr als zweieinhalbstündigem Verweilen in der Ausstellung vom Präsidenten des Arbeitsausschusses Hofrat v. Vukovic mit den Worten: „Ich gratuliere dem Herrn Hofrat zur Inszenierung der Ausstellung, die ich sehr schön und ungemein interessant fand. Der „Abteilung im Felde“ werde ich demnächst einen eigenen Besuch widmen.“ Dann wandte sich der Erzherzog zum Kriegsminister Generaloberst Freiherrn v. Krobatin und gratulierte ihm ebenfalls als dem hervorragendsten Aussteller. Vom Obersthofmeister Baron Lederer begleitet, verließ der Erzherzog um halb 2 Uhr nachmittags, von der in der Ausstellungsstraße angesammelten Menge begrüßt, die Ausstellung.
Auch der Kriegsminister dankte namens des Kriegsministeriums dem Präsidenten des Arbeitsausschusses Hofrat v. Vukovic für die Mühe und Sorgfalt, mit der er diese Ausstellung, in der es so viel des Interessanten und Lehrreichen gebe, ins Leben gerufen habe.
Der erste Besuchstag
Um 2 Uhr nachmittags wurden die Kassen für den allgemeinen Besuch der Ausstellung eröffnet. Schon bei der Abfahrt des Erzherzogs hatten sich viele Hunderte Neugierige angesammelt, die ihm herzliche Ovationen bereiteten und auf den Einlaß warteten. In den Hallen der Ausstellung sowohl als auf den mit Blumen und Blattpflanzen geschmackvoll verzierten Plätzen und in der Avenue entwickelte sich bald ein lebhafter Korso. Die Ausstellung fand allseitig die größte Bewunderung, und die Pavillons waren von Besuchern dicht umlagert. Das Kino, in dem neben den neuesten Kriegsaufnahmen auch die Bilder von der Eröffnung der Kriegsausstellung mit dem Erzherzog vorgeführt wurden, fand starken Zuspruch. Auf dem Festplatz konzertierte eine von Kapellmeister Watzek für die Kriegsausstellung zusammengestellte Kapelle des Deutschmeisterregiments, außerdem die Regimentskapelle des 76. Infanterieregiments, und ein Orchester, das aus kriegsinvaliden Musikern besteht.
Die Tourniquets (Bemerkung: Drehkreuze) der Ausstellung passierten bis in die Abendstunden über 22.000 Besucher.
Ein ungemein interessantes Objekt ist der Musterbetrieb für Kleiderkonfektion für Militär und Zivil, den die vereinigten Kleiderexportfirmen F. W. Mautner und Renner & Band in dem Pavillon der Heeresverwaltung ausgestellt haben. Wir sehen hier in der anschaulichsten Weise die geradezu vorbildliche Tätigkeit der zu einem ungemein leistungsfähigen Zentralbetrieb vereinigten Firmen, deren großartig eingerichtete Fabrik in Wien, 7. Bezirk, Westbahnstraße 26, seit dem Kriegsbeginn für das Militärärar beschäftigt ist. Die Kleiderexportfirma F. W. Mautner (1. Bezirk, Heinrichsgasse 4) hat ihre Fabrik in Boskowitz, Mähren, und eine Filiale in Budapest (Balvany utcza 4) und besteht seit 1838, damals vom Großvater der jetzigen Besitzer Josef Mautner und Josef Eltbogen begründet. Auf gründlicher fachlicher Leitung und glänzender kaufmännischer Organisation aufgebaut, hat die Firma heute eine erste Stellung in ihrer Branche, die sie ihrem Chef, Herrn Josef Eltbogen, verdankt, welcher die Vereinigung mit der Firma Renner & Band schuf, um mit Kriegsbeginn eine große leistungsfähige Konsortialfirma zu begründen. Diese letztere Firma besteht seit 25 Jahren in Wien, 2. Bezirk, Untere Augartenstraße 4, und hat sich durch die Tüchtigkeit ihrer Chefs, der Herrn Leopold Renner und Leopold Band, ein wohlbegründetes Ansehen in allen Kreisen geschaffen. In dem ausgestellten Musterbetrieb ist zu erkennen, was kaufmännisches Genie, verbunden mit Großzügigkeit, im Interesse der Allgemeinheit zu leisten vermag, und Herr Josef Eltbogen, der geistige Schöpfer der so trefflichen Firmenvereinigung, darf auf den Erfolg seiner Gründung mit Recht stolz sein. Herr Eltbogen ist Ehrenmitglied des „Invalidendank“, für den er eine Lebensstifung gespendet hat und wurde heuer mit dem Ehrenzeichen zweiter Klasse vom Roten Kreuz dekoriert.
Die Kleinindustrie in der großen Entwicklungsform der modernen Technik zeigt die ungemein geschmackvolle Exposition der Wiener Metallwaren-, Schnallen- und Maschinenfabrik vormals Ferdinand Schar, Wien (gegründet 1855) und Albert Hauer, Graz, (gegründet 1847), die im Pavillon des k.u.k. Kriegsministeriums, Abteilung III, untergebracht ist. Eine hübsche Idee des Direktors Albert Smolka war es, die Fabrikate aller Art zu einem effektvollen Wandtableau zu arrangieren, welches in hübscher Mosaikarbeit das neue gemeinsame Wappen Österreich-Ungarns darstellt, das jedem Beschauer wirksam auffällt. Auf den Schautischen finden wir andere Erzeugnisse der Firma, wie Kummeteisen (Bemerkung: Ring um den Pferdehals, -brust) für Train- und Artilleriebespannung, Trensen, Gebisse, Pferdestriegel, Karabiner in allen Größen und all die mannigfachen Dinge, die von der Heeresverwaltung gebraucht wurden und welche die Wiener Metallwarenfabrik mit ihren musterhaften Fabriksanlagen und Einrichtungen in der zufriedenstellendsten Weise liefern konnte. Die Fabrik stellt in ihrem Etablissement in Schwechat, das ein Areale von 100.000 Quadratmeter bedeckt und Wasser-, sowie reichliche motorische Kraft benützt, mit ihren 400 Arbeitern außer dem gewaltig großen Armeebedarf, der sämtliche Erzsorten für die Heeresausrüstung, wie Beschläge für Rucksäcke, Brotsäcke, Patrontaschen, Patrontornister, Spatenfutterale, Traggerüste, Feldflaschen, Beschläge für alle erdenklichen Riemen und Gurten, Zeltbeschläge u. v. a. umfaßt, auch noch Massenartikel für die zivile Industrie her, die sich der bewährtesten Anerkennung erfreuen. Die Leitung des technischen Betriebes liegt in den Händen des Ingenieurs Ferdinand Schar, während die Herren Otto und Albert Smolka sich in die Verwaltung und kommerzielle Direktion des angesehenen und groß angelegten Unternehmens teilen. Anläßlich der feierlichen Eröffnung wurde Direktor Albert Smolka durch eine Ansprache des Herrn Erzherzogs Franz Salvator ausgezeichnet.
Sehr hübsch präsentiert sich die eigenartige auch ausstellungstechnisch beachtenswerte Abteilung der Koh-i-nor-Werke, Waldes & Co., größte Druckknopffabriken der Welt, Wien, Prag-Wrschowitz, Dresden, Warschau, die den besonderen Beifall des Erzherzogs Franz Salvator fand.
Inmitten einer architektonisch überaus gelungenen Koje bringt auf einem Granatensockel das lebensgroße Standbild eines k.u.k. Zugsführers in bester Weise, die von Waldes & Co. erzeugten Heeresbedarfsartikel und, was besonders reizvoll ist, deren Benützung zur Veranschaulichung. Sinnreich sind die an der Ausrüstung befindlichen Waldes-Fabrikate rot umkreist und durch Schnüre mit den am Fuße der Figur kreisförmig angeordneten Kästen verbunden, die Massen der betreffenden Uniformstücke enthalten. An den Wänden zeigen Aufnahmen die Waldes-Munitionserzeugung, vervollständigt durch davorliegende Stücke des Werdeganges der Granaten, Schrapnells, Zünder, Sprengkapseln u. a. m.
Als Armeelieferantin hat die Firma F. Brauns Söhne, k.u.k. priv. Fabrik von Gußstahl, Feilen und Armeebedürfnissen in Schloß Schöndorf bei Vöcklabruck, Oberösterreich, eine hübsche Zusammenstellung von Fabrikaten ausgestellt. Das Unternehmen wurde 1849 gegründet, befaßt sich zum großen Teil mit der Anfertigung von Qualitätsfabrikaten und liefert schon seit dem Jahre 1854 für die k.u.k. Heeresverwaltung sowie für die k.k. Staatsbahnwerkstätten, k.k. Salinen usw.
Es gelangten zur Ausstellung Fabrikate aus Elektrostahl, und zwar aller Gattungen Feilen, Werkzeuge, gewehrschußsichere Konstruktionen für Beobachtungsbau, Schutzschilde für Maschinengewehre, tragbare Schutzschilde, Sappenschilde, Gewehraufsteckschilde, Kavalleriesättel, aus Stahl gewalzte Schaufeln, Armeespaten und diverse Gegenstände, wie solche von der k.u.k. Heeresverwaltung benötigt und ihr seit Kriegsbeginn geliefert werden.
Die Metall- und Lederwarenfabrik Wolff, Baab & Co., Wien, XIV/1, Pretzsinggasse 20, hat u. a. interessanten Neuheiten Feldflaschenriemen von Zellfstoff ausgestellt, die einen vorzüglichen und billigen Ersatz für Lederriemen bieten und die in der k.u.k. Armee bereits Verwendung finden. Besonders wird auf den von der Firma ausgestellten versperrbaren Rucksackverschluß „Ernol“ aufmerksam gemacht, der seiner praktischen Konstruktion wegen jedem Soldaten und Touristen zur Anschaffung bestens empfohlen werden kann.
Die altrennomierte (Bemerkung: Schreibweise beibehalten) Firma Leopolder & Sohn, Wien und Leipzig, bringt in einer übersichtlichen Exposition Telegraphenapparate in der Ausführung vor dem Kriege und Apparate mit den durch die Verbrauchsverordnungen der Kriegszeit bedingten Ersatzmaterialien zur Schau. Das Objekt dieser Firma, die sämtliche Apparate und Apparatbestandteile für das Telegraphenbureau des k.u.k. Generalstabes liefert, wurde von dem Erzherzog mit besonderem Interesse besichtigt.
In der Gruppe Bekleidung, in der Oberlt. Prof. Havlicek von der 13. Abt. des k.u.k. Kriegsministeriums die Führung übernahm, fällt vor allem die besonders geschmackvolle Kollektivausstellung der Tuch-Baumwolle- und Leinen-Lieferungsgesellschaften für das k.u.k. Heer und der Tuchlieferungsgesellschaft für die k.k. Landwehr ins Auge.
Hier werden die vor dem Kriege und während desselben verwendeten Uniformen sowie Bekleidungs- und Ausrüstungssorten aus Baumwolle und Leinen in künstlerisch entworfenen lebenswahren Gruppen zur Darstellung gebracht und auch die verschiedenen Stadien der Erzeugung aller einschlägigen Stoffe vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkte in übersichtlicher Form dem Besucher gezeigt. Das Objekt erregte das besondere Interesse und Wohlgefallen des Erzherzogs.
Besondere Aufmerksamkeit schenkte der Erzherzog den von der Lichtindustriegesellschaft, Wien, III., Fasangasse, ausgestellten Scheinwerfern allerneuester Konstruktion. Der Direktor der Gesellschaft, Herr Franz Rotter, durfte dem Erzherzog die verschiedenen Typen von Scheinwerfern zeigen und der Erzherzog interessierte sich in hohem Maße für diese Objekte.“
Endlich ist der kleine Franzi gemeinsam mit Onkel Rudi in der Kriegsausstellung und schaut sich die 25 Abteilungen an. Onkel Rudi kauft einen Ausstellungskatalog, damit der kleine Franzi später die abgebildeten Fotos und Zeichnungen ansehen kann. Die Abteilungen sind:
Trophäenhalle mit erbeuteten Waffen durch Österreich-Ungarn, Deutschland, der Türkei und Bulgarien Der kleine Franzi ist ganz begeistert von den erbeuteten Kriegstrophäen. Man schreibt: „In die Millionen geht die Zahl der Kriegsgefangenen, Hunderttausende von Handfeuerwaffen und Tausende von Geschützen sind die stummen aber eindrucksvollen Zeugen unserer Siege. Wie eine Mauer aus Eisen und Stahl starren uns die Trophäen unserer sieggekrönten Armeen entgegen, trotzdem in der Trophäenhalle nur ein kleiner Teil der unermesslichen Siegsbeute repräsentiert ist, aber die gewaltige Fülle spricht hier für sich, es bedarf keiner ruhmredigen Worte.“[8]
Artilleriewaffen und Munition Franzi wird von einem Standbild der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Artillerie, empfangen. Er sieht einen 30,5 cm M.11 Mörser, nachgebildet im Auftrag von Baron Skoda aus Holz. Die echten Waffen werden ja an der Front benötigt.
Pionier- und Sappeurwesen Ein Diorama stellt die Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 1915 dar mit Überschiffung der Donau bei Zemun. Brückenbau, Zillenbau, Flammenwerfer, Scheinwerfer und andere Kriegsmittel werden gezeigt.
Militärgeographisches Institut Bilder, Fotos und Karten der verschiedenen Kriegsschauplätze sind zu sehen
K.u.k. stabiles Eisenbahn-Zeugsdepot Korneuburg Unter anderem sind ein russischer Pferdefeldbahnwagen und Telegrafen ausgestellt.
Kriegsfürsorge Hier werden Vertriebsgegenstände zur finanziellen Unterstützung der Soldaten ausgestellt und verkauft, beispielsweise dänische Ersatzstücke mit Papierfüllung für Decken.
Generalgouvernement Lublin Franzi sieht Karten, Bilder, Trachten und diverse Gegenstände von und aus Galizien.
Ausrüstung und Bekleidung Hier sieht Franzi die Entwicklung der k.u.k. Uniformen. Bunte Uniformen gab es bis 1907. Bis 1915 waren hechtgraue Uniformen gebräuchlich und ab 1915 feldgraue Uniformen. Dadurch waren die Soldaten dem Boden und dem grünen Gelände angepasst. Glänzende Gegenstände, wie Knöpfe, wurden durch matte Materialien ersetzt.
Land Niederösterreich mit Gewerbeförderung, landwirtschaftlichem Unterrichtswesen und Invalidenfürsorge Der Krieg hat Auswirkungen auf die Versorgung der Armee und der Zivilbevölkerung. In Musterwerkstätten werden etwa Sattlererzeugnisse, Metallwaren, Bekleidung, Uniformen etc. erzeugt. Es sind Modelle von landwirtschaftlichen Lehranstalten ausgestellt und Fotos von Kriegsinvaliden bei landwirtschaftlichen Arbeiten.
Marinesektion Sehr interessant für Franzi sind die Fotos und Bilder der Seeschlachten und der Schiffe. Er sieht das Modell eines U-Bootes und einen zerschossenen Kamin des Kreuzers „Helgoland“.
Sanität mit amtlicher und freiwilliger Sanitätspflege, orthopädischem Spital und Invalidenschulen sowie Sanitätsindustrie Die wesentlichste Aufgabe des Militärsanitätswesens erstreckt sich auf die Erhaltung und Förderung sowie die physische Wiederherstellung der Kriegstüchtigkeit des Soldaten.[9] Es werden Impfstoffe gegen Typhus, Cholera und Ruhr gezeigt, sowie Geräte und Gegenstände, die in einem Spital benötigt werden. Die Tätigkeit des Roten Kreuzes wird in einem Diorama gezeigt. Eine Prothesenfabrik zeigt die Herstellung künstlicher Gliedmaßen, in einer Invalidenschule lernen Verwundete mit den Prothesen umzugehen, um wieder in das Berufsleben eingegliedert zu werden.
Verpflegung, Verpflegsausrüstung, Bettenwesen und Konservenerzeugung Ausgestellt sind Küchen, Backöfen, Verpflegung von Pferden, Speisezettel der Kriegsgefangenen, Getränkefässer, Teigknetmaschinen, verschiedene Konserven und Felddampfwäschereien.
Veterinärwesen Die k.u.k. Tierärztliche Hochschule in Wien zeigt Bilder über die Rotzkrankheit, Rinderpest, Beschälseuche, Räude und andere Tierseuchen, Impfstoffe und Tierspitäler.
Trainzeugsdepot Es werden Fuhrwerke, Beschirrung der Pferde, Verpackungen, Seilerwaren, tierärztliche Requisiten u. a. gezeigt.
Elektro-Telegraph Der kleine Franzi bestaunt neuartige Telefon- und Telegrafenapparate.
Kriegsgewerbliche Erzeugnisse Sieben Unternehmen stellen Munition, Bajonette, Stacheldraht etc. aus.
Kriegsgefangenenwesen Franzi ist ganz begeistert vom Diorama des Kriegsgefangenenlagers in Grödig bei Salzburg. Fotos zeigen Gefangenenlager in Sibirien und in Italien. Es sind zehn Gipsmasken der „interessantesten russischen Rassetypen“ ausgestellt. Die Schädelstudien wurden von Dr. Rudolf Pöch[10] durchgeführt. Bemerkung: heute (2024) sind diverse Gegenstände aus dem Nachlass von Pöch in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), dem Naturhistorischen Museum, im Wiener Phonogrammarchiv und Filmarchiv Austria zu finden.
Bauwesen Franzi betrachtet Fotos von neu erbauten Anlagen. Es wurde sehr viel gebaut, Kasernen, Munitionsfabriken, Fabriken für Flugzeuge, Werkstätten, Kriegsmaterial usw. Es wurden Barackenspitäler und Rekonvaleszenzheime für Verwundete gebaut, und natürlich auch Pferdespitäler. Straßen und Brücken sind für die schweren Geschütze nicht ausgelegt und müssen Instand gehalten werden.
Kriegsgräber Abteilung „Die Ausstellung von Arbeiten der Kriegsabteilung des k.u.k. Kriegsministeriums bezweckt, die Öffentlichkeit über die Art der Gräberfürsorge in den Kampfgebieten auf österreichisch-ungarischem Gebiet zu unterrichten. Vor allem haben die Angehörigen der braven und heldenmütigen Soldaten, die für die Befreiung des Heimatbodens, für die Sicherung des Reiches und für den unvergänglichen Ruhm der österreichisch-ungarischen Armee ihr Leben hingeopfert haben, ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie die heilige Pflicht der Pietät erfüllt, wie die Dankbarkeit des Vaterlandes gegenüber den gefallenen Kriegern bei der endgültigen Beisetzung ihrer sterblichen Hülle Ausdruck gegeben wird.“[11]
Feldvikariat Hier werden leicht transportierbare Feldkapellen ausgestellt. Der Feldkapellentornister enthält alle Gegenstände zum Lesen einer Messe im Felde.
Kunst Hier werden Bilder, Berichte und Bücher über den Krieg gezeigt.
Kriegsliteratur wie oben
Photographie wie oben
Freistehende Objekte wie oben
Feldpost 2.215 Feldpostleute bearbeiten bis zu 6 Millionen Briefe am Tag (!), über acht Millionen Pakete im Jahr 1915, sowie den Geldverkehr.[12]
Ukrainische Legion Im August 1914 meldeten sich 27.682 Freiwillige zur Ukrainischen Legion. Karten der Kampflinien, Broschüren, Zeitschriften und Tabellen der Ukrainer sind zu sehen
Kraftfahrzeuge Der kleine Franzi steht vor dem ersten österreichischen Kraftwagen „Markus“ aus dem Jahr 1875, dem ersten Armee-Lastkraftwagen aus dem Jahr 1898, dem ersten Armee-Vierräderantriebszugwagen aus dem Jahr 1905. Weiters sieht er Motorschlitten und Fotos.
Flugzeuge Russische Flugzeuge, italienische Fliegerbomben und Fliegergewehre.
„Im Felde“ Franzi kann hier einen Schützengraben mit Minenwerfer, Maschinengewehren, Scheinwerfer und anderem Kriegsmaterial sehen. In einem anderen Teil der Kampfstellung gelangt man durch Karstschluchten an die Oberfläche. Hier werden die Verhältnisse im Karstgebirge verdeutlicht mit Unterkünften und einer Felsküche. Den feinen Damen wird von Herren geholfen, da die Verhältnisse beengt sind. Zur Unterhaltung des Publikums gibt es eine Bierausschank, Speisen aus einer Fahrküche und eine Gulaschkanone. In einem Unterstand hinter der Front ist eine Labestation mit einem Heurigen untergebracht. Franzi bekommt zur Feier des Tages ein Gulasch und ein Kracherl, Onkel Rudi trinkt ein Krügerl.
Tiroler Soldatenzeitung Die tägliche Abendausgabe der „Tiroler Soldatenzeitung“ wurde in einer Felddruckerei gedruckt und verkauft.
Es ist schon spät am Abend, Franzi ist sehr müde, aber ganz begeistert von diesem wunderschönen Tag, den er mit seinem Onkel Rudi verbringen durfte. Für den kleinen Franzi war der heutige Tag irrsinnig spannend. Zuerst die Watsch’n vom Bischof, das war mehr ein Streicheln über Kopf und Wange und dann die Kriegsausstellung. Krieg ist ja so schön, unsere Armee ist so stark, wir werden es den Feinden schon zeigen und siegreich sein.
Wenige Tage nach dem Besuch der Kriegsausstellung stehen zwei Offiziere vor der Wohnung. Sie klopfen an der Tür, Frau Mutter öffnet. Der kleine Franzi hört sie sagen, dass feindliche Granaten in die Stellung eingeschlagen haben und auch das Lazarett, obwohl etwas entfernt von der Front, getroffen wurde. Herr Vater, der Arzt, wurde beim Angriff getötet und auf einem Kriegerfriedhof beigesetzt. Alles was dem kleinen Franzi bleibt ist eine Fotografie von Herrn Vater gemeinsam mit Frau Mutter und ihm.
Im Mai und Juni 1918 fand im Prater eine Ersatzmittelausstellung statt.[13] Die Versorgungslage der Bevölkerung wurde immer schlechter, sie war an einer Kriegsausstellung nicht mehr interessiert. Es wurden Nahrungs-, Bekleidungs-, Tierfuttermittel-, usw. Ersatzprodukte gezeigt. Beispiele sind Zichorie als Kaffeeersatz, Papierbekleidung, Stopfen von Strümpfen, usw.
Im Park der Universität Wien gibt es ein Denkmal zum Gedenken an die gefallenen Ärzte im Weltkrieg. Es ist von der Ärzteschaft Österreichs gewidmet. Manchmal steht ein Ur-Urenkel des „Herrn Vater“ davor. Er selbst ist Arzt, genauso wie ein Teil seiner Ahnen. Er denkt an die Geschehnisse im Ersten Weltkrieg, an den Urgroßvater Franzi, der seinen Vater nur etwa zwölf Jahre lang kennen durfte. Am Denkmal ist „ANTIFA“ mit Farbe gesprüht zu erkennen, der QR-Code davor (nicht im Bild) ist mutwillig beschädigt. Er fragt sich: „Wusste mein Ahne, was ein Faschist ist oder war? Wissen meine Mitbürger heute, was ein Faschist ist oder war? Verallgemeinernd: haben wir aus unserer Geschichte etwas gelernt?“
Abbildung 6: Teilansicht der Artilleriehalle mit dem 30.5 cm-Mörser-Modell Quelle: Offizieller Katalog der Kriegsausstellung Wien 1916; mit einem Ausstellungsplan, zwei kleinen Planen und vielen Illustrationen; Herausgegeben vom Arbeits-Ausschuss; dritte Auflage, Wien 1916, Buchdruckerei „Industrie“, Wien VII , Seite 43 (Bild digital bearbeitet)
[3] siehe dazu auch https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Kriegsausstellung_1916_im_Wiener_Prater (8. Juli 2024
[4] Quelle: Offizieller Katalog der Kriegsausstellung Wien 1916; mit einem Ausstellungsplan, zwei kleinen Planen und vielen Illustrationen; Herausgegeben vom Arbeits-Ausschuss; dritte Auflage, Wien 1916, Buchdruckerei „Industrie“, Wien VII, Seite 6
[6] Quelle: Neue Freie Presse, Sonntag, 2. Juli 1916, Seite 18f. https://anno.onb.ac.at/cgi- content/anno?aid=nfp&datum=19160702&query=%22kriegsausstellung%22+%22prater%22&ref=anno-search&seite=18 (15. August 2023)
[7]Offizieller Katalog der Kriegsausstellung Wien 1916; mit einem Ausstellungsplan, zwei kleinen Planen und vielen Illustrationen; Herausgegeben vom Arbeits-Ausschuss; dritte Auflage, Wien 1916, Buchdruckerei „Industrie“, Wien VII , Anhang ohne Seitenangabe
[8] Offizieller Katalog der Kriegsausstellung Wien 1916, Seite 20
[9] Offizieller Katalog der Kriegsausstellung Wien 1916, Seite 99
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_P%C3%B6ch (9. Juli 2024)
[11] Offizieller Katalog der Kriegsausstellung Wien 1916, Seite 142
[12] Offizieller Katalog der Kriegsausstellung Wien 1916, Seite 181